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ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Warum immer Einkommen besteuern?

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Warum immer Einkommen besteuern?


Chronologisch Thread 
  • From: "Daniel " <ppdaniel71 AT googlemail.com>
  • To: "'Patrik74'" <Patrik74 AT news.piratenpartei.de>, <ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Warum immer Einkommen besteuern?
  • Date: Wed, 9 May 2012 10:12:12 +0200
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>

Danke für deine Mail. Ich denke, wir sind gar nicht weit voneinander weg.
Sprich: Man kann eine Vermögenssteuer einführen aber sollte es mit den
Steuersätzen nicht übertreiben. Auch sollte man sich davon nicht versprechen,
Unsummen einzunehmen.

Noch etwas Grundsätzliches: Ich sehe ein ideales wirtschaftliches System
folgendermassen:
1. Weniger Bürokratie, mehr Freiheiten für die natürlichen/juristischen
Personen. Damit meine ich, dass es einfacher werden sollte z.B. ein
Unternehmen aufzubauen und zu führen. Der Aufwand hierfür (Kosten und Zeit)
ist in Deutschland enorm und die Freiheiten bzgl. unternehmerischen Waltens
sind geringer als an vielen anderen Orten. Es wäre wünschenswert, wenn man
hier den Wirtschaftsstandort verbessern würde. Dies beinhaltet aber auch so
unangenehmes wie weniger Kündigungsschutz. In der Folge wird es für alle
einfacher wirtschaftlichen Erfolg zu generieren, bzw. makro-ökonomisch steigt
das Trendwachstum
2. Mehr Umverteilung ist notwendig. Es wird leichter wirtschaftlichen Erfolg
zu generieren aber es wird dadurch auch zu mehr Ungleichverteilung kommen,
bzw. man kann eben auch leichter seinen Arbeitsplatz unverschuldet verlieren.
Dies kann man über mehr Umverteilung (höherer Spitzensteuersatz etc.
einerseits und stärkeres soziales Netz andererseits) ausgleichen. Sprich
längere/höhere Zahlungen bei Arbeitslosigkeit etc. (oder eben in der
Extremform ein BGE).

Dadurch, dass man das Trendwachstum mit diesen Maßnahmen steigert und mehr
umverteilt haben am Ende des Tages ALLE etwas davon.
Das Problem bei nur mehr Umverteilung (die Linke) ist, dass es die "Reichen"
irgendwann nicht mehr mitmachen werden. Das Problem bei nur mehr
Flexibilisierung ist (FDP), dass es zu noch größeren sozialen Problemen führt
und dadurch zu Leid in großen Teilen der Gesellschaft. International kann man
gut zeigen, dass eine Kombination aus 1. + 2. ganz gut funktioniert.

Wie du ja auch erwähnst geht es bei Menschen und Unternehmen immer um ein
Gesamtpaket der "Standortqualität" und wenn das Gesamtpaket stimmt, dann ist
es in Ordnung bzw. dann ist man auch bereit ein/zwei Kröten zu schlucken
(wenn ich leichter mehr Einnahmen generieren kann, dann bin ich auch bereit
einen größeren Teil davon abzugeben, sprich netto habe ich dann immer noch
mehr). Ich bin als Person aber auch bereit Abstriche beim Kündigungsschutz
hinzunehmen, wenn ich dafür im Falle der Arbeitslosigkeit nicht gleich ins
Bodenlose stürze.


-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von:
ag-soziale_marktwirtschaft-bounces+ppdaniel71=googlemail.com AT lists.piratenpartei.de

[mailto:ag-soziale_marktwirtschaft-bounces+ppdaniel71=googlemail.com AT lists.piratenpartei.de]
Im Auftrag von Patrik74
Gesendet: Mittwoch, 9. Mai 2012 00:12
An: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft]Warum immer Einkommen besteuern?


Daniel schrieb:
> Es ist grob gesagt so, dass es früher einfacher war Kapital an der
> Steuer vorbei ins Ausland zu transferieren (illegal!), hier aber heute
> mehr versucht wird dagegen anzukämpfen. Heute ist es dafür einfacher
> sich selbst mit seinem Kapital ins Ausland zu transferieren. In der
> Schweiz (ich bin Schweizer) leben absolut gesehen ziemlich genau
> gleich viel Milliardäre wie in Deutschland, obwohl das Land nur ein
> Zehntel der Einwohner hat (Auch um in die Liste der xHundert Reichsten
> zu kommen braucht es etwa gleich viel Vermögen in der Schweiz wie hier).

...und eine Vermögenssteuer
http://www.steuerinformationen.ch/2010/08/12/vermogenssteuer-in-der-schweiz-und-in-den-kantonen/
hat. Komisch, oder? Da transferieren die Deutschen aus einem Land ohne
Vermögenssteuer in ein Land mit Vermögenssteuer, sind die beknackt!

> Grund ist, dass viele der Milliardäre Ausländer sind, die ihr Vermögen
> zwar im Ausland gemacht haben aber dann in die Schweiz gezogen sind
> auch aus dem Grund, dass sie dort insgesamt erheblich weniger Stuern
> zahlen müssen.

Deshalb will ich ja auch die Abgabenquote in Deutschland nicht erhöhen,
sondern die ESt in gleichem Maße absenken, wie die Geldvermögenssteuer zum
Staatshaushalt beiträgt. Es geht nur um eine sozial ausgewogenere Verteilung
der Lasten.

Und man wird wohl anerkennen müssen, dass immer noch weit mehr Milliardäre
außerhalb der Tax Havens ihren Sitz haben als innerhalb. Wie lässt sich das
begründen? Die Mittel umzusiedeln haben die wohl alle, sind sie
schlechterdings zu faul dafür, oder ist es ihnen egal? Im übrigen glaube ich,
dass viele Ausländer ihr Geld nicht notwendigerweise aus fiskalischen Gründen
in der Schweiz anlegen, sondern wohl mehr an der Diskretion der Schweizer
Banken interessiert sind - um es mal ganz neutral auszudrücken....

> Wenn man mal die Problematik mit der illegalen Steuerflucht beseite
> lässt, so hat die Schweiz etwas gut gemacht: Sie hat ein sehr breites
> Steuersubstrat (es gibt auch eine Vermögenssteuer und eine
> Börsenumsatzsteuer) aber mit generell tiefen Sätzen. Die
> Vermögenssteuer ist je nach Kanton und Vermögenshöhe unterschiedlich
> und beträgt zwischen 0,02% und 0,3%! Ebenso sind die
> Einkommenssteuersätze bekanntermassen tiefer als hierzulande. Bei
> Kapitalerträgen werden nur Zinsen und Dividenden besteuert (mit dem
> persönlichen Steuersatz aber maximal 35%) aber keine Kursgewinne.
> Positiv ist zu vermerken: Man kann eine Vermögenssteuer erheben, ohne
> dass sie stark negative Effekte auf die Wirtschaft hat.

In der Höhe hat sie aber gar keine Lenkungswirkung, sondern ist wohl mehr ein
Feigenblatt der Obrigkeit. Andererseits muss man natürlich ganz wertfrei
anerkennen, dass 0,3% von einer Milliarde auch schon 3 mio.€ sind - haben,
nicht haben...

> Aber: Wenn die Vermögenssteuer sehr groß ist, dann werden vermögende
> Personen viel daran setzen sie zu umgehen. Ein Beispiel:
> Vermögenssteur von 2%. Jemand der 100Millionen Euro hat, müsste also
> pro Jahr 2Mln an zusätzlichen Steuern zahlen. Das kann man als gerecht
> empfinden. Aber ich glaube nicht, dass eine große Anzal der Personen
> mit so einem Vermögen das einfach hinnehmen würde. Also wird man
> einiges dran setzen, die Steuer zu umgehen und ansonsten halt
> wegziehen. Dann hätte man hier gar nichts mehr an Stuereinnahmen. Ich
> weiss auch von meinen Bekannten in der Schweiz (gerade jenen aus der
> Romandie), dass seit sich ein Sieg von Hollande in Frankreich
> abgezeichnet hat, die Nachfrage nach Immobilien von Franzosen stark
> zugenommen hat (die wollen sich vorsorglich einen Zweitwohnsitz
> zulegen, um allfällig schnell wegziehen zu können).

Ich will nicht verleugnen, dass es Steuervermeidungstendenzen gibt, und so
lange Länder wie die Schweiz diese Praxis mit einer - sagen wir mal -
"wohlwollenden" Gesetzgebung unterstützen, muss man sich wohl mit diesem
Ärgernis abfinden. Es bleibt aber festzustellen, dass bei weiten nicht die
meisten Vermögenden ihr Hab und Gut verschieben.

> Ich finde das hier ist kurz und knappt und klingt gar nicht so
> unvernünftig:
> http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.378374.de/11-36-
> 4.pdf

Der Mann bestätigt meine Argumente:

DIW schrieb:
> Dazu muss man deren Vermögen genauer veranlagen. Das ist möglich, wenn
> man sich auf die wirklich Reichen beschränkt. Im DIW Berlin haben wir
> berechnet, dass ein Vermögensteuersatz von 0,5 Prozent reicht, um von
> den Nettovermögen über eine Millionen Euro jährlich sieben Milliarden
> Euro zu erzielen.

Der Unterschied: Das DIW geht vom Reinvermögen aus (Geld + Sachanlagen -
Schulden), während ich mich nur aufs Geldvermögen konzentriere, dieses dafür
aber brutto besteuern will. Da das Geldvermögen aber nur den kleineren Teil
des Gesamtvermögens ausmacht, kommt man da auch wieder hin
- jedoch mit einer Ausnahme: Beim Vorschlag des DIW muss Oma für ihr
abbezahltes klein Häuschen richtig Steuern zahlen, was sie vielleicht gar
nicht kann; bei meinem Vorschlag nicht - es sei denn, sie hätte zusätzlich
noch mehr als 1 mio. Geldvermögen, aber dann kann sie es auch!

> Ein Steuersatz von 0,5% oder eben höhere Besteuerung von
> Kapitalerträgen erscheint sinnvoll, aber massiv höhere Besteuerung
> (also z.B. höhere Besteuerung von Kapitalerträgen und höhere
> Vermögenssteuer gleichzeitig) wird gesamtwirtschaftlich kaum positive
> Effekte haben (eher bei den Steuereinnahmen der Schweiz oder anderen
> Ländern).

Wie gesagt, man muss auch die Steuerbasis betrachtet und nicht nur den
Steuersatz, es geht am Ende um die Gesamtbelastung. Und da in Deutschland zum
Glück immer noch mehr Sachvermögen als Geldvermögen existiert, moderiert das
die 5% auf das Geldvermögen, wenn man es auf das Gesamtvermögen bezieht.

PS: Ich freue mich über den sachlichen Diskussionsstil. Vielen Dank!
--
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