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ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Warum immer Einkommen besteuern?

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Warum immer Einkommen besteuern?


Chronologisch Thread 
  • From: Patrik74 <Patrik74 AT news.piratenpartei.de>
  • To: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Warum immer Einkommen besteuern?
  • Date: Tue, 08 May 2012 22:12:06 +0000
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
  • Organization: Newsserver der Piratenpartei Deutschland - Infos siehe: http://wiki.piratenpartei.de/Syncom/Newsserver


Daniel schrieb:
Es ist grob gesagt so, dass es früher einfacher war Kapital an der Steuer vorbei ins Ausland zu transferieren (illegal!), hier aber heute mehr versucht wird dagegen anzukämpfen. Heute ist es dafür einfacher sich selbst mit seinem Kapital ins Ausland zu transferieren. In der Schweiz (ich bin Schweizer) leben absolut gesehen ziemlich genau gleich viel Milliardäre wie in Deutschland, obwohl das Land nur ein Zehntel der Einwohner hat (Auch um in die Liste der xHundert Reichsten zu kommen braucht es etwa gleich viel Vermögen in der Schweiz wie hier).

...und eine Vermögenssteuer http://www.steuerinformationen.ch/2010/08/12/vermogenssteuer-in-der-schweiz-und-in-den-kantonen/ hat. Komisch, oder? Da transferieren die Deutschen aus einem Land ohne Vermögenssteuer in ein Land mit Vermögenssteuer, sind die beknackt!

Grund ist, dass viele der Milliardäre Ausländer sind, die ihr Vermögen zwar im Ausland gemacht haben aber dann in die Schweiz gezogen sind auch aus dem Grund, dass sie dort insgesamt erheblich weniger Stuern zahlen müssen.

Deshalb will ich ja auch die Abgabenquote in Deutschland nicht erhöhen, sondern die ESt in gleichem Maße absenken, wie die Geldvermögenssteuer zum Staatshaushalt beiträgt. Es geht nur um eine sozial ausgewogenere Verteilung der Lasten.

Und man wird wohl anerkennen müssen, dass immer noch weit mehr Milliardäre außerhalb der Tax Havens ihren Sitz haben als innerhalb. Wie lässt sich das begründen? Die Mittel umzusiedeln haben die wohl alle, sind sie schlechterdings zu faul dafür, oder ist es ihnen egal? Im übrigen glaube ich, dass viele Ausländer ihr Geld nicht notwendigerweise aus fiskalischen Gründen in der Schweiz anlegen, sondern wohl mehr an der Diskretion der Schweizer Banken interessiert sind - um es mal ganz neutral auszudrücken....

Wenn man mal die Problematik mit der illegalen Steuerflucht beseite lässt, so hat die Schweiz etwas gut gemacht: Sie hat ein sehr breites Steuersubstrat (es gibt auch eine Vermögenssteuer und eine Börsenumsatzsteuer) aber mit generell tiefen Sätzen. Die Vermögenssteuer ist je nach Kanton und Vermögenshöhe unterschiedlich und beträgt zwischen 0,02% und 0,3%! Ebenso sind die Einkommenssteuersätze bekanntermassen tiefer als hierzulande. Bei Kapitalerträgen werden nur Zinsen und Dividenden besteuert (mit dem persönlichen Steuersatz aber maximal 35%) aber keine Kursgewinne. Positiv ist zu vermerken: Man kann eine Vermögenssteuer erheben, ohne dass sie stark negative Effekte auf die Wirtschaft hat.

In der Höhe hat sie aber gar keine Lenkungswirkung, sondern ist wohl mehr ein Feigenblatt der Obrigkeit. Andererseits muss man natürlich ganz wertfrei anerkennen, dass 0,3% von einer Milliarde auch schon 3 mio.€ sind - haben, nicht haben...

Aber: Wenn die Vermögenssteuer sehr groß ist, dann werden vermögende Personen viel daran setzen sie zu umgehen. Ein Beispiel: Vermögenssteur von 2%. Jemand der 100Millionen Euro hat, müsste also pro Jahr 2Mln an zusätzlichen Steuern zahlen. Das kann man als gerecht empfinden. Aber ich glaube nicht, dass eine große Anzal der Personen mit so einem Vermögen das einfach hinnehmen würde. Also wird man einiges dran setzen, die Steuer zu umgehen und ansonsten halt wegziehen. Dann hätte man hier gar nichts mehr an Stuereinnahmen. Ich weiss auch von meinen Bekannten in der Schweiz (gerade jenen aus der Romandie), dass seit sich ein Sieg von Hollande in Frankreich abgezeichnet hat, die Nachfrage nach Immobilien von Franzosen stark zugenommen hat (die wollen sich vorsorglich einen Zweitwohnsitz zulegen, um allfällig schnell wegziehen zu können).

Ich will nicht verleugnen, dass es Steuervermeidungstendenzen gibt, und so lange Länder wie die Schweiz diese Praxis mit einer - sagen wir mal - "wohlwollenden" Gesetzgebung unterstützen, muss man sich wohl mit diesem Ärgernis abfinden. Es bleibt aber festzustellen, dass bei weiten nicht die meisten Vermögenden ihr Hab und Gut verschieben.

Ich finde das hier ist kurz und knappt und klingt gar nicht so unvernünftig: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.378374.de/11-36-4.pdf

Der Mann bestätigt meine Argumente:

DIW schrieb:
Dazu muss man deren Vermögen genauer veranlagen. Das ist möglich, wenn man sich auf die wirklich Reichen beschränkt. Im DIW Berlin haben wir berechnet, dass ein Vermögensteuersatz von 0,5 Prozent reicht, um von den Nettovermögen über eine Millionen Euro jährlich sieben Milliarden Euro zu erzielen.

Der Unterschied: Das DIW geht vom Reinvermögen aus (Geld + Sachanlagen - Schulden), während ich mich nur aufs Geldvermögen konzentriere, dieses dafür aber brutto besteuern will. Da das Geldvermögen aber nur den kleineren Teil des Gesamtvermögens ausmacht, kommt man da auch wieder hin - jedoch mit einer Ausnahme: Beim Vorschlag des DIW muss Oma für ihr abbezahltes klein Häuschen richtig Steuern zahlen, was sie vielleicht gar nicht kann; bei meinem Vorschlag nicht - es sei denn, sie hätte zusätzlich noch mehr als 1 mio. Geldvermögen, aber dann kann sie es auch!

Ein Steuersatz von 0,5% oder eben höhere Besteuerung von Kapitalerträgen erscheint sinnvoll, aber massiv höhere Besteuerung (also z.B. höhere Besteuerung von Kapitalerträgen und höhere Vermögenssteuer gleichzeitig) wird gesamtwirtschaftlich kaum positive Effekte haben (eher bei den Steuereinnahmen der Schweiz oder anderen Ländern).

Wie gesagt, man muss auch die Steuerbasis betrachtet und nicht nur den Steuersatz, es geht am Ende um die Gesamtbelastung. Und da in Deutschland zum Glück immer noch mehr Sachvermögen als Geldvermögen existiert, moderiert das die 5% auf das Geldvermögen, wenn man es auf das Gesamtvermögen bezieht.

PS: Ich freue mich über den sachlichen Diskussionsstil. Vielen Dank!




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