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ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Erwerbslosenquote

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Erwerbslosenquote


Chronologisch Thread 
  • From: LeChuck <LeChuck AT news.piratenpartei.de>
  • To: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Erwerbslosenquote
  • Date: Sun, 03 Jun 2012 17:24:42 +0000
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
  • Organization: Newsserver der Piratenpartei Deutschland - Infos siehe: http://wiki.piratenpartei.de/Syncom/Newsserver


Richard C schrieb:
Eigentlich beschreibst du das richtige, aber du gehst in meinen Augen falsch ran. Unternehmen wollen gewinne machen. Die werden sich der Lage anpassen. Wenn die Arbeitskräfte nahezu unbegrenzt vertretbar sind, dann kann man sie einfach verschleißen und wenn sie dann nicht mehr funktionieren, entsorgen (finde das ekelhaft, aber man kann das mal klar ansprechen).
Wo ich absolut nicht deiner Meinung bin, ist, dass Politik hier eine Einflussmöglichkeit durch Reglementierung hat. Wenn du irgendwas wegnimmst (wie Minijob oder Zeitarbeit), dann werden die Beschäftigten in einer rechtlichen Grauzone arbeiten (mit guter Chance mit verminderter sozialer Absicherung - s. Scheinselbsständigkeit), oder die Jobs werden ersatzlos gestrichen. Damit hast du mehr Arbeitslose und mehr Ausbeutung.

Nimmst du die Aussage von Porcupine dazu, dann müsstest du ja gerade ein brennender Beführworter von den Hartzgesetzen sein. Trend ist gut (man kann vergleichen) und du sagst selbst, wir sind nicht mehr weit von Ziel entfernt. Also: Warum zum Teufel ein System umstellen, was prima funktioniert. Es kann nur schlimmer werden. "Never change a winnig team."

Hartz-Gesetze, das ist ja nicht nur Hartz IV. Die Minijobs gehören da auch mit rein, ebenso die Zeitarbeit. Hartz IV für sich alleine genommen hätte es meiner Überzeugung nach außerdem nie gegeben. Diesen Mist muß man schon als Gesamtpaket betrachten. Und, nein, dieses Gesamtpaket funktionierte von Beginn nicht so, wie man es uns weiszumachen versucht hat. Es hat auf Kosten der Betroffenen und der Steuerzahler die Unternehmensgewinne erhöht, und genau dafür war es meiner Meinung nach auch gedacht.

Hartz IV ohne all diesen anderen Kram wäre eigentlich - mit bestimmten Änderungen im Detail - ganz akzeptabel. Es wäre völlig ausreichend, wenn jeder Arbeitssuchende eine realistische Chance hätte, NICHT in Hartz IV zu geraten. Von mir aus kann man gerne dabei bleiben, wenn man stattdessen eine Equal-Pay-Regelung bei der Zeitarbeit schafft und die Minijobregelung abschafft. Damit ist im übrigen kein Unternehmen daran gehindert, eine Arbeit mit geringfügigem Stundenumfang anzubieten. Es bietet ihm nur keinen finanziellen Vorteil mehr gegenüber einem sv-pflichtigen Job, sondern im Gegenteil einen Nachteil, denn es ist bei gleicher Entlohnung immer vorteilhafter, die Arbeit nicht auf gar zu viele Personen aufzuteilen.

Daß ein Teil der heutigen Minijobs in der Schwarzarbeit landen wird, finde ich ein sehr viel kleineres Übel, als weiterhin idiotischerweise Arbeit zu subventionieren, die von vornherein gar nicht existenzsichernd sein KANN und die zu absurd niedrigen Lohnangeboten gerade für arbeitslose Minijobber geführt hat. Dasselbe gilt auch für die zu erwartenden Tricksereien bei der Zeitarbeit. Wenn ich mir so anschaue, was schon jetzt getrickst wird, da kommt es darauf doch wirklich nicht mehr an. Oder bildest du dir ein, die 45 Prozent, die als "Un- und Angelernte" in Zeitarbeit beschäftigt sind, sind wirklich alles Leute, die keine Ausbildung gemacht haben? Ich kenne mehr als genug Fachkräfte, die von Zeitarbeitsfirmen als angeblich Ungelernte eingestellt wurden.

Beides sind Fehlsteuerungen, die von vornherein nie hätten Gesetz werden dürfen, weil das schon von vornherein abesehbar war, und meiner Meinung nach gehört das gesamte Kabinett Schröder dafür, das umgesetzt zu haben, geteert und gefedert und aus dem Land gejagt. Beide Hartz-Instrumente, Minijobs und Zeitarbeit, haben die Massenarbeitslosigkeit ja sogar noch verschlimmert, das gilt gerade für die Minijobs, denn den parallenen Rückgang der sv-pflichten Jobs und die Zunahme bei den Minijobs konnte man ja live verfolgen. Die Zeitarbeit wiederum hat dazu geführt, daß eine ganze verlorene Generation junger Leute nach der Ausbildung dauerhaft in der Niedriglohn-Zeitarbeitsfalle gelandet ist. Das hat nicht nur den Arbeitsmarkt negativ verändert - unter dem Strich war es sogar für die Unternehmen selbst negativ -, sondern hatte auch unerwünschte gesellschaftliche Nebenwirkungen.

Zeitarbeiter bekommen zum Beispiel von Banken keine Immobilie finanziert, sogar dann, wenn sie es risikieren würden, sich irgendwo häuslich niederzulassen. Sie riskieren Hartz IV, wenn sie es wagen, einen Familie zu gründen. Sie verhalten sich also anders, als sie es andernfalls täten, und das in zahlreichen Lebensbereichen, die wieder keine Statistik mit den Arbeitsmarktdaten in Verbindung brächte, aber dennoch existieren diese Veränderungen. Aber vor allem haben die jungen Leute gelernt, daß ihre Leistung sich nicht lohnt. Neulich ging durch die Medien, daß der Anteil der 25- bis 29jährigen in Deutschland, die nicht arbeiten und jede weitere Suche aufgegeben haben, viel höher ist, als man geglaubt hat. Ich bin darüber keineswegs überrascht, denn ähnliches habe ich schon vor Jahren kommen sehen und auch öffentlich davor gewarnt.

Wenn aus den 7 Millionen Minijobs nur eine Million - oder von mir aus sogar nur eine halbe - sv-pflichtiger Arbeitsverhältnisse entsteht, kann von mir aus der ganze Rest gerne in die Schwarzarbeit abwandern, denn der gesellschaftliche Nutzen übersteigt dann den Schaden bei weitem. Das gilt nicht zuletzt, weil diese Arbeitsplätze besonders häufig Tätigkeiten umfassen, die Geringqualifizierte ausüben können.

Die Zeiten, in denen Unternehmen ihre Mitarbeiter nach Belieben verschleißen können, sind eigentlich schon fast vorbei, auch wenn man das dem Arbeitsmarkt im Moment noch nicht anmerkt und die Euro-Krise durchaus noch unangenehme Überraschungen mit sich bringen und vorübergehend wieder für steigende Arbeitslosenzahlen sorgen kann. Daß die Unternehmen den Moment, in dem sie ihre Mitarbeiter nicht mehr wie Verschleißmaterial behandeln können, gerne so lange wie möglich hinauszögern wollen - die großen Unternehmen wissen längst, was kommen wird -, ist mir schon klar, aber warum sollte es in unserem Interesse sein, sie dabei auch noch zu unterstützen?




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