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ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Erwerbslosenquote

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Erwerbslosenquote


Chronologisch Thread 
  • From: LeChuck <LeChuck AT news.piratenpartei.de>
  • To: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Erwerbslosenquote
  • Date: Tue, 05 Jun 2012 11:09:20 +0000
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
  • Organization: Newsserver der Piratenpartei Deutschland - Infos siehe: http://wiki.piratenpartei.de/Syncom/Newsserver


Richard C schrieb:
Das meine ich übrigens als falsche Ordnungspolitik. Dies ist nicht Aufgabe der Politik, sondern Aufgabe der Tarifparteien. Hier hat sich die Politik nur einzumischen, wenn es keine Arbeitnehmervertretung gibt. Diese Ordnungspolitik die du vertrittst geht in Richtung Planwirtschaft. Mir ist klar, dass dies gerade im linken Lager hip ist, aber mehr auch nicht.
Guckst du dir mal die Geschichte an, dann merkst du, dass gerade zunehmende Regulierungssucht des Arbeitsrechts zu Arbeitslosigkeit geführt hat. Auch würde ein Mindestlohn von 8,50 € nur wenige Probleme lösen, aber im Gegenzug viele schaffen. Wenn der Staat da was machen will, dann muss er sich darum kümmern, dass die soziale Absicherung von Familienangehörigen von Arbeitnehmern verbessert wird. Außerdem einen vernüftigen Übergang von ALG II zu Erwerbseinkommen:
Hier sind wir bei Konzepten wie liberales Bürgergeld oder ZGE.

Mit dem Abschaffen der Minijobregelung verdammst du ALG II Empfänger dazu, sich nichts mehr dazu verdienen zu können (160 € auf die 375 € kommt ganz nett) und Familien mit Kindern, wo die Frau halbtags arbeitet, um das Familienbuget aufzupeppen, die strafst du auch ab. Glückwunsch.

Und zuletzt das Equal-Pay. Gewerkschaften haben sich darum zu kümmern, und das Machen sie auch. Diese Idee verstößt dann endgültig gegen jeden Ansatz der Marktwirtschaft und des Liberalismus.

Du argumentierst mit gespaltener Zunge. Die Neuregelung der Minijobs WAR nämlich ein ordnungspolitischer Eingriff und nicht etwa eine Einigung der Tarifparteien. Sie war außerdem, genau wie die Zeitarbeits-Neuregelung im Rahmen der Hartz-Gesetze, ein ordnungspolitischer Eingriff zu Lasten der Arbeitnehmer zu einem Zeitpunkt, als rezessionsbedingt die Verhandlungsposition des einzelnen Arbeitnehmers wie der Gewerkschaften ohnehin schon miserabel war.

Deine Besorgnis um die hinzuverdienenden Arbeitslosen und minijobbender Familienmütter ist ja rührend. Schon mal davon gehört, daß 40 Prozent aller Ehen geschieden werden? Dann haben sie aber was von deinem Einsatz gehabt, all die Muttis mit ihrem Minijob und Hartz IV. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß 16 Prozent aller Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften eine alleinerziehende Mutter als Haushaltsvorstand haben. Die Minijobregelung in Kombination mit dem Ehegattensplitting ist ebenfalls eine klare staatliche Fehlsteuerung mit weitreichenden Folgen. Abgeschafft gehört eigentlich beides, auch das Ehegattensplitting, das letztere habe ich nur deshalb nicht erwähnt, weil das in einen anderen Bereich reingehört, nämlich die Familienpolitik.

Aus meiner Sicht muß das Ziel lauten, so vielen heutigen Hartz-IV-Empfängern wie möglich wieder eine Chance auf eine existenzsichernde Beschäftigung zu verschaffen. Es ist geradezu pervers, daß du angeblicher Feind der Planwirtschaft eine ordnungspolitische Maßnahme verteidigst, die hunderttausende von Hartz-IV-Empfängern ohne sachliche Notwendigkeit zur weiteren Abhängigkeit vom Staat verdammen willst, und das mit der Begründung, sie könnten andernfalls ja nicht mehr 400 Euro hinzuverdienen, von denen ihnen "nur" 240 Euro wieder weggenommen werden.

Ich bin weder für Planwirtschaft noch für das reine "Recht des Stärkeren", sondern für die soziale Marktwirtschaft. Ich bin dabei nicht für spitzfindige Regelungen, die jedem denkbaren Einzelfall die maximale Gerechtigkeit verschaffen, sondern - wie in jedem gesetzgeberischen Bereich - für möglichst einfache Regelungen. Aber außerdem halte ich es im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft auch für eine staatliche Aufgabe, die Untergrenze dessen zu definieren, was auf dem Arbeitsmarkt dem schwächeren Verhandlungspartner vom stärkeren alles abgepreßt werden kann. Dafür gibt es nämlich ein Arbeitsrecht, anstatt alles nur dem Willen der Vertragspartner zu überlassen und so zu tun, als läge es nur am Verhandlungsgeschick des einzelnen, für sich akzeptable Bedingungen zu verhandeln.

Zum Mindestlohn: Eigentlich gibt es ja schon jetzt einen Mindestlohn, nämlich denjenigen Lohn, bei dessen Unterschreiten vor Gericht seine Sittenwidrigkeit http://www.anwalt.de/rechtstipps/niedriglohn-oder-lohnwucher_008722.html festgestellt würde. Daneben gibt es mehrere branchenbezogene Mindestlöhne. All das macht die Sache aber viel zu kompliziert, deshalb halte ich einen allgemeinen Mindestlohn für praktikabler. Im Zeitalter der Arbeitszeitkonten, in denen vielen Beschäftigten alles, was über 35 Stunden die Woche gearbeitet wird, gar nicht ausgezahlt wird, finde ich 8,50 pro Stunde angemessen. Zur Not ließe ich mich noch auf 8 Euro herunterhandeln, aber viel weniger darf's wirklich nicht sein, denn das wären bei 150 Stunden monatlich, die man bei 35 Stunden wöchentlich voraussetzen muß, nur noch 1200 Euro brutto, das sind bei Steuerklasse 1 nur noch knapp über 900 Euro netto. Damit läge man also relativ knapp über Hartz IV im gerade noch existenzsichernden Bereich.

Ein Arbeitsplatz, der in Vollzeit nicht die Existenz einer Einzelperson wenigstens auf einem solchen bescheidenen Niveau sichern kann, ist nichts, was irgendwie erhaltenswert wäre, noch dazu durch Subventionierung durch den Steuerzahler, wie sie geschieht, wenn der Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt ist und trotzdem noch aufstockend Hartz IV benötigt, weil sein Erwerbseinkommen unter dem Existenzminimum liegt. Was mich daran besonders ärgert: Ein solches Unternehmen wird durch meine Steuern dabei unterstützt, Wettbewerber, die dasselbe Produkt herstellen und durchaus in der Lage sind, dafür auskömmliche Löhne zu bezahlen, vom Markt zu drängen. Gerade das ist doch ein Musterbeispiel für Planwirtschaft, auch wenn es unter dem Deckmäntelchen der Freiheit daherkommt.




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