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Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft
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Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4
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- Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4
- Date: Mon, 31 Oct 2011 08:19:53 +0000
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Hallo Bratenbengel,
jetzt hast Du viel vorgelegt und bist auch sehr vom Thema ab und in weitere Richtungen davon. Ich werde versuchen ein wenig meinen Senf dazu zu geben:
Bratenbengel schrieb:
....Der dialektische Materialismus nach Lenin besagt, dass man immer fragen muss: "Wem nützt es?"..."über einen Kamm geschoren werden"Wenn ich es auf meinen Antrag beziehungsweise auf das Modell hinter meinem Antrag beziehe, was auch als Ersatz für das bestehende System der Sozialtransfers für Erwerbsfähige taugt, so kann man das folgender Maßen beantworten:
Das mit diesem Modell verbundene Abschmelzen des Transfervolumens nutzt der Effizienz und der Leistungsfähigkeit des Gesellschaftsmodells. Denn jeder Transfer verschlechtert die Verteilung gegenüber den Pareto-Optmia. Es tut dies auch, weil es die Hürde gegenüber der Arbeitsaufnahme abbaut und Grenzabgaben auf einem viel geringeren Niveau erlaubt und somit mehr Erwerbstätigkeit möglich wird. Denn wenn heute zu viel der Kosten der Arbeitgebers nicht beim Arbeitnehmer zusätzlich ankommen, mag dies, wie Du eingangs ja auch schon erwähnt hast, dem Zustandekommen des Arbeitsverhältnisses entgegen stehen. Wenn mehr Menschen am Erwerbsprozess teilnehmen, kann sich die Gesellschaft als ganzes mehr leisten und die Herausforderungen eher meistern, als wenn sie nur einen Teil ihrer Ressourcen nutzt. Die Volkswirtschaftslehre ist ja auch die Lehre der Zuteilung der Ressourcen zu ihrer besten Nutzung und genau dies wird mit diesem Modell verbessert.
Für den einzelnen Nutzer dieses Modells birgt dieses Modell die Chance, dass er deutlich weniger Hürden für sich für eine Arbeitsaufnahme sieht und sich auch nicht mehr Zwingen lassen muss. Er gibt aber seine bezahlte Freizeit auf und das ist ein wesentlicher sozialer Besitzstandsverlust, wenn man es zum Ersatz von Hartz 4 machen würde.
Die Frage, ob man über einen Kamm scheren mag oder nicht, ist eine Frage der Selbstverantwortung, die man den Einzelnen zubilligt und auch eine Frage der Anpassungsfähigkeit, die man dem einzelnen abverlangt. Es ist nicht lange her, dass wir Bürgern eine Garantie ihres einmal erreichten Sozialstatus über die Arbeitslosenhilfe garantiert haben, die sich ewig am Niveau des letzten Einkommens orientiert hat. Heute muten wir ihnen Hartz zu. Bei zu großen Wohnungen muten wir ihnen auch schon mal Umzüge zu. Aber weitestgehend, orientieren wir uns an der Bedürftigkeit, die auch heute maßgeblich von der gewählten Ausstattung des Betroffenen abhängt. Mich erinnert das immer an meine Kommilitonen, die von ihren Eltern Wohnung, Auto und Krankenversicherung gestellt bekamen und darüber hinaus ein Taschengeld erhielten. Die hatten immer das Gefühl, dass sie ganz wenig bekamen, gleichwohl ihr Gesamtbudget inkl. Sachleistungen meist das ihrer Mitstudenten weit überragte. Ich finde schon, dass wir den Menschen die Selbstverantwortung zugestehen und mit der Fairness behandeln sollten, dass wenn sie an der einen Stelle etwas einsparen, dass sie es auch an anderer Stelle wieder ausgeben können sollten. Unser Regelbedarf ist für mich nichts anderes als eine Bevormundung, was uns wie wichtig zu sein hat.
@DDR
Wie Du hier aufzeigst, war in der DDR Arbeitszuweisung, Arbeitspflicht und Wertschöpfung in dem System verbunden. Wenn man sich ein wenig mit Führungskonzepten und Arbeitspsychologie beschäftigt hat, ist es nicht schwer zu erkennen, das das denkbar ungünstige Voraussetzungen für eine produktive Arbeit sind. Deswegen möchte ich noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass der Einkommensplatz sich nicht über die Wertschöpfung rechtfertigt, sondern nur über die Anreizverhältnisse, seinen freien Zugang und seine Mindestausstattung, die er ermöglicht. Wer auf der Einkommensstelle Lohn bezieht, hat die kritische Freizeit/Arbeitszeit Schwelle überschritten. Wer Arbeitszeit investiert, hat darin immer eine Wahlalternative, die die eigene Verhandlungsstärke sichert. Durch den Transferentzug über die Arbeitszeitverwendung behindert es auch nicht durch hohe Grenzabgaben das Zustandekommen von echten Arbeitsverhältnissen.
@ Arbeitszwang als notwendige Voraussetzung
Wenn die Menschen anwesend sein müssen und die Aufgaben einen ausreichenden Sinn in ihren Augen ergibt, dann werden sie sicherlich rein aus Zeitvertreib die Aufgaben abarbeiten. Das grenzt aber auch wieder die Auswahl an Alternativen ein. Wenn die Leute sich aber der Arbeit verweigern, werden sie sich langweilen und langweilen macht auch keinen Spaß. Es wird sich also ein Gleichgewicht aus beidem einpendeln. Wenn Unternehmer keine Lust haben, solche Leute anzuheuern, dann wird es der Staat tun. Zu tun gibt es fast überall genug. Und je sinnvoller die Aufgaben, desto mehr werden es die Leute auch freiwillig tun. Und wie gesagt, es werden nur wenige Einkommensstellenarbeitsplätze nötig sein, denn sein Zweck liegt in der Verbesserung des Zugangs zur freien Arbeit.
@Unternehmer versus Arbeitnehmer
Da wir nicht zwei Rassen haben, sondern letztlich alles nur Menschen sind, dürfte die Handlungsmotivation für beide sehr ähnlich sein. In meinen Augen ist allenfalls festzustellen, dass der Optimierungsanreiz auch sehr stark durch die (kalkulatorischen) Transaktionskosten eingeengt wird. Zu häufig habe ich erlebt, dass jemand der wenig kostet, zu wenig produktiv eingesetzt wird, auch wenn seine Fähigkeiten weit mehr zugelassen hätten. Ein Unternehmer ist in diesem Sinne auch häufig zu träge, was die Hebung der Potentiale anbelangt. Denn wenn die Optimierung nicht erfolgt, so entgehen den, auf den Arbeitsplätzen verbleibenden, Arbeitnehmern auch erhebliche Verhandlungsspielräume, die durch ihre höhere Wertschöpfung in Folge der höheren Produktivität entstünden. Wir müssen es folglich den Unternehmen einfacher machen, zu optimieren, damit die Arbeitnehmer auch möglichst viel verdienen können. Der Markt muss reibungslos funktionieren.
@ BGE und Warteschleife
Wie Du schon in Bezug auf den Arbeitsanreiz gesagt hast, wohnt auch dem BGE die Gefahr inne, dass die Haushalte ihr Arbeitsangebot massiv zurück fahren. Das liegt zum einen an der ausreichenden Ausstattung und in Folge dessen an ihren hohen kalkulatorischen Nutzen/Kosten im Übergang zur Arbeit und den hohen Grenzabgaben, die der Übergang von Nettotransferempfänger zum Nettotransfergeber erfordert. Diese Probleme sind mit dem Konzept der Einkommensstelle vollständig beseitigt.
@ Weltmarkt
Wenn wir einen bedingungslosen Zuzug vom Weltmarkt der Arbeitskräfte zuließen, so würden jene Arbeitsplätze, die nur übliche Qualifikationen voraus setzen, unter massiven Preisdruck geraten. Die Löhne, wie auch die Preise der Produkte aus diesen Arbeiten würde auf ein niederes Niveau absenken, was durch den Lohn auf dem Niveau des Existenzminimums definiert würde. Das würde aber auch bedeuten, dass unsere Kaufkraft deutlich steigen würde. Wir könnten dem ein wenig mit Mindestlöhnen und durch Pflichtstandards in der Sozialversicherung entgegenwirken, um die unteren Lohnschwellen nicht zu tief fallen zu lassen. Würden wir dabei die Abgabenquote im unteren Segment nicht zu hoch ansetzen, so könnte dieser Gesellschaftsteil sogar recht gut leben. Nur wären exklusivere Technikprodukte oder auch Wohnraum in Ballungszentren für diese Schichten dann unbezahlbar. Wenn wir dieses Auseinanderfallen der heimischen Gesellschaft nicht wollen, so werden wir wohl unsere schwach Qualifizierten weiterhin gegen ausländische Konkurrenz abschirmen müssen.
@ bedingte Grundeinnahme / Zwang
Genau das liefert das Einkommensplatzmodell im Gegensatz zu BGE und Hartz. Und das Einkommensplatzmodell ohne Hartz nebenan kommt auch ohne Zwang aus, denn der Grundbedarf also die Notwendigkeit von Einkommen, drängt die Menschen in Arbeit. Und eine (Not-)Option dafür ist die Einkommensstelle.
@ Dein Post 1260?
Da weiß ich nicht, welchen Du meinst.
@ Besteuerung
Man wird sicherlich sehr viel als Einkommen definieren können, wenn man über die ausreichenden Mehrheiten verfügt. Wichtig ist halt, dass unterm Strich ausreichend übrig bleibt.
Das BGE selbst zu besteuern macht z.B. wenig Sinn, da es ein Ausschütten und wieder weg nehmen ist. Man hat also immer Transaktionskosten. Bei der Einkommensstelle macht es hingegen mehr Sinn, denn hier gibt es ja auch reguläre Arbeitsverhältnisse daneben, die zum gleichen Einkommen wie die Einkommensstelle führen. Damit können mehr Steuerzahler einbezogen werden und vor allem die Grenzsteuersätze gesenkt werden. Wichtig ist hier halt, dass jedem die Möglichkeit geboten wird, NACH Abgaben ausreichend viel zu verdienen. So ist der Nettotransfer ja auch nur der Bruttotransfer abzüglich Abgaben.
@ BGE und Besteuerung
Hier kommst Du wieder zu dem Problem das ein normales BGE extrem hohe Grenzabgaben für zusätzliche Einkommen erfordert und dies der Aufnahme von Arbeit wieder entgegen steht.
@ Dein Vorschlag
Dein Vorschlag zeichnet sich nun im wesentlichen dadurch aus, dass Du die Mindestausstattung über Bedarfssätze definieren willst. Das ist zunächst einmal nur eine anders definierte Bezugsgröße. Wenn ich Dich jetzt richtig verstehe, schlägst Du eine Auffüllung, des nicht vorhandenen Bruttoeinkommens bis auf die Mindestausstattung vor und eine Belastung mit Abgaben, wenn Du darüber hinaus gehst.
Damit formst Du einen Einkommensverlauf der dem Modell des Einkommensplatzes im Prinzip gleicht, aber auch nur, wenn man ihn auf einen Einpersonenhaushalt bezieht. Im Gegensatz zum Modell des Einkommensplatzes stellt sich dann aber wieder die Frage nach dem Grenzanreiz zur Arbeit, denn in Deinem Beispiel würde der Hauptverdiener ja bis 3000 Euro Bruttoeinkommen keinen Cent extra für die Haushaltskasse verdienen. Deiner Annahme nach, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass der Erwerbsfähige sich ohne Zwang am Erwerbsleben beteiligen würde oder wenn er dies täte, so würde er wohl aus intrinsischer Motivation heraus agieren und wäre dann nicht durch monetäre Anreize lenkbar. Es würde also wahrscheinlich zu einer hochgradigen Fehlallokation von Ressourcen kommen. Diese würde wiederum dazu führen, dass die Arbeitseinkommen oberhalb der Ausstattung massiv belastet werden müssten, was die Allokationsfunktion des Marktes wiederum massiv einschränken würde. Wir hätten wahrscheinlich mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie die Modelle der Planwirtschaft.
- [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, CAP (Christian), 27.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Bratenbengel, 27.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, CAP (Christian), 27.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Bratenbengel, 27.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, CAP (Christian), 27.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Bratenbengel, 27.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, CAP (Christian), 28.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Acamir, 28.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, CAP (Christian), 28.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Bratenbengel, 28.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, CAP (Christian), 31.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Bratenbengel, 29.10.2011
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Antrag #130 Wirtschafts- und Sozialpolitik: Ergänzung neben Hartz 4, Bratenbengel, 27.10.2011
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