ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Liquid Democracy in der Piratenpartei
Listenarchiv
- From: Hans Brucker <hb AT anubia.de>
- To: LD Entscheidungs- und Diskussionsplattformen in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de>
- Subject: Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?
- Date: Tue, 13 Jul 2010 15:04:38 +0200
- List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-liquid-democracy>
- List-id: LD Entscheidungs- und Diskussionsplattformen in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy.lists.piratenpartei.de>
Hallo Fukami,
diese Mail hatte ich übersehen, so here goes:
On 10.07.2010 11:07, fukami wrote:
Hallo Hans!
On 08.07.2010, at 17:42, Hans Brucker wrote:
Unbefristet (in Berlin momentan 1 Jahr kein Login) heisst, du vertraust ihmJa und? Ich kann doch jemanden vertrauen, oder etwa nicht? Interessanterweise
*ohne Kenntnis darüber zu haben, was er tut*.
habe ich z.B. globale Delegationen von Leuten, mit denen ich mich permanent
auf Mailinglisten bashe, schlicht aus dem Grund, weil die Personen mir
vertrauen und ich einer der wenigen bin, die ihren Arsch bewegen um in
stundenlangen Sitzungen über Pöller im Aussenstadtbereich zu diskutieren.
Dieses Vertrauen ist, aus meiner bescheidenen Sicht, eben auch eine der
Grundlagen von Politik.
Ok. Du bist also für globale Delegationen, weil du von ihnen profitierst bei deiner politischen Arbeit. Das ist legitim.
Leider ist es aber so, dass die Konstruktivität des politischen Betriebs allgemein als recht gering wahrgenommen wird.
Ich halte die in diesem Zusammenhang vorgebrachten Argumente für überzeugend, dass dies ganz erheblich mitverursacht wird durch die Organisation der Parteien in Form von Personen-Seilschaften, die sich dann mehr oder weniger zufällig die verfügbaren Posten zuschieben, weil sie ja als bewiesene Alphamännchen und -weibchen 'alles können'.
Machtpolitik halt.
Liquid Democracy versucht eben hier den Akzent anders zu setzen.
Das 'Medium Real Life' erlaubt ja gar keine andere Vorgehensweise, da man eben, wie du so knackig beschreibst 'seinen Arsch' physikalisch bewegen muss, und Diskussionen in grösseren Gruppen nur sehr begrenzt möglich sind, was automatisch zu einem Delegiertensystem führt.
Im 'Medium Online' ist dies aber nicht zwingend der Fall. Da können die Eintrittsbarrieren viel niedriger gesetzt werden. Der berühmte Mausklick.
Themenbezogene Partizipation ist (zumindest theoretisch) möglich und soll angestrebt werden. Diese Partizipation ist aber ein Placebo, wenn dann am Ende ein paar Superdelegierte das Ergebnis bei einem Glas Wein unter sich abstimmen, genau so wie das beim Offline-Delegiertensystem eben auch läuft. Dann sind wir wieder bei der Machtpolitik, was (meines Erachtens) auch den Gedankensprung zum Populismus erklärt.
Die Flüssigen Demokraten wollen aber die Partizipation in Sachpolitik fördern, um die Qualität der Ergebnisse und auch deren gesellschaftliche Akzeptanz zu verbessern. Machtpolitik gibt es schon genug, dafür brauchen wir kein Tool mehr.
Gerade was das Megathema 'Gesellschaftlicher Zusammenhalt', über das ich in letzter Zeit viel nachgedacht habe, betrifft, ist echte inhaltliche Partizipation meines Erachtens der einzige Weg, um ein weiteres Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern.
Aber was bedeutet das im Hinblick auf das Phänomen Populismus?Ich sehe den Zusammenhang nicht. Du nennst es Populismus, ich sehe, dass mir Vertrauen
gegenüber entgegengebracht wird, weil ich einerseits meine Meinung sage, aber
andererseits auch zuzuhören kann und Argumente von politischen Mitbewerbern gegenüber
aufgeschlossen bin. Bin ich deswegen Populist? Vielleicht bin ich aber auch
mittlerweile zu sehr im realen Politikbetrieb angelangt und habe dadurch eine
vollkommen andere Sicht entwickelt. Denn wenn ich mit den Vertretern in anderen
Fraktionen in Ausschüssen oder Arbeitskreisen rede, dann ist das einzige, mit dem ich
momentan öffentlich hinter dem Berg halte, meine massive Kritik an der Politikfähigkeit
der Piraten, weil ich ihnen nicht schaden will. Ansonsten ist nunmal in der konkreten
politischen Arbeit so wie ich sie erlebe die Diskussion die, was das Beste für
$Verwaltungseinheit bzw. dessen Bürger ist - idR ohne grosse Rücksicht auf
Parteigrenzen oder Ideologie (aber zugegeben: In der Öffentlichkeit von Sitzungen
gelten andere Regeln als einer "kleinen" Öffentlichkeit.
Der Begriff 'Populismus' hat an dieser Stelle nicht das Geringste mit dir zu tun.
Es geht darum, auf welcher Grundlage Entscheidungen getroffen werden. Machtpolitisch durch Delegierte, die aufgrund von sachfremden Persönlichkeitsmerkmalen ausgewählt werden, oder per inhaltlicher Partizipation im Diskurs.
Das Medium kann hier strukturell durchaus eher die eine oder eher die andere Richtung fördern, wie ja auch Friedrich in seiner Mail vor ein paar Tagen schön beschrieben hat. Ganz neutral ist ein Medium nie, die Frage ist eben, wie man es gestaltet.
http://de.wikipedia.org/wiki/Populismus
<quote>
Populists want what they take to be the will of the majority - often as channeled through a charismatic populist leader - to prevail, and to do so with as little hindrance or delay as possible. For this reason, they have little patience with liberalism's emphasis on procedural niceties and protections for individual rights.
</quote>
Natürlich ist das ist nicht schwarz/weiss, sondern ein Kontinuum.
Wenn du mit dem aktuellen Politikbetrieb zufrieden bist, klingt das für dich natürlich wie Meckerei. Dann hast du eben andere Themen.
Ich denke politische Teilhabe a.k.a. Partizipation ist eine Chance, einGenau, es ist aber auch ein Angebot, bei dem ich mir einen Vertreter suchen kann, den
Angebot.
ich für geeignet halte. Und meiner Erfahrung nach gibt es in den wenigsten Fällen zu
den Themen, um die es geht, jeweils wirklich "echte" Spezialisten - mal davon
abgesehen, dass ich ohnehin nicht davon überzeugt bin, dass Systeme, die rein auf
Experten ausgerichtet sind, politisch wirklich immer bessere Ergebnisse erzielen. Aber
das ist auch noch mal einen vollkommen andere Diskussion.
Hier werden wir uns nicht einigen.
Ich denke eben, dass es nicht möglich ist rational jemanden 'für geeignet zu halten', ohne sich inhaltlich zu interessieren und auch zu verfolgen, was er oder sie tut. Das ist dann lediglich eine Bauchentscheidung aufgrund von sachfremden Kriterien, und das ist genau das Pferd, das Populisten reiten. Und mit Liquid Democracy soll eben gerade keine Rennbahn für solche Pferde gebaut werden.
Inhaltliche Verbesserung der Ergebnisse des politischen Diskurs ist ohne eine klare Hinwendung zu diesem Motto "Themen statt Köpfe" meines Erachtens nicht möglich. Bloss durch Übertragung der vorhandenen Strukturen 'ins Internet' wird keine magische Qualitätsverbesserung eintreten.
Und ein System, das Delegationen ohne Diskursteilnahme durch AnbietenAuch Software wie LF ist eine Nebelkerze. Ich sehe in NRW die Beteiligung in
entsprechender Funktionen fördert ist ein Partizipations-Placebo, das im
Endeffekt die aktive Teilhabe am Diskurs verringert, weil die Teilnehmer von
den Nichtteilnehmern sowieso überstimmt werden, und das Ergebnis sich aus
sachlicher Sicht einem Zufallsergebnis annähert.
noch geringerem Maße als das bei Real Life MVs der Fall ist. Der einzige
Vorteil von Softwarelösungen gegenüber Treffen ist Nicht-Örtlichkeit und
Nicht-Gleichzeitigkeit - nicht mehr aber auch nicht weniger. Ob man nun
Delegationen einsetzt oder nicht ist zweitrangig aus meiner Sicht.
Wenn man die Offline-Strukturen einfach nur 'ins Internet' überträgt, dann ist das so.
Bei Liquid Democracy geht es aber darum, neue Strukturen und Partizipationsmöglichkeiten auszuprobieren.
Und zwar alternativ und ergänzend zu den vorhandenen Strukturen. Niemandem soll etwas aufgedrängt werden, niemandem soll etwas weggenommen werden.
Eine grosse Einschränkung hierzu: Zugangsbarrieren zu diesem Diskurs dürfenAlso die Software, die ich im Moment sehe, ist eine einzige Zugangsbarriere.
natürlich *in keinster Weise* existieren. Das ist dann eben wie beim
Parteitag: Wer da ist, stimmt ab. Nur dass das 'da' in diesem Falle nur einen
Klick entfernt ist.
Wenn wir, wie in NRW, Workshops anbieten müssen, um Leuten eine Software zu
erklären, dann ist das die Antithese von Eintrittsbarriere.
Liquid Feedback != Liquid Democracy
Sommergrüsse
Hans
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, (fortgesetzt)
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Hans Brucker, 09.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Alexander Morlang, 09.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Hans Brucker, 09.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Alexander Morlang, 12.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Hans Brucker, 12.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Andena, 08.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Alex Morlang, 08.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Andena, 08.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, fukami, 10.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, bvdb_pp, 10.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Hans Brucker, 13.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, bvdb_pp, 08.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Hans Brucker, 05.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Andena, 05.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, rka, 05.07.2010
- [AG Liquid Democracy] Kommunikative Delegierung / was: Wozu Delegationen?, bvdb_pp, 08.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, Rixdorfer Pirat, 08.07.2010
- Re: [AG Liquid Democracy] Wozu Delegationen?, fukami, 08.07.2010
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