ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft
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- From: "Daniel " <ppdaniel71 AT googlemail.com>
- To: "'porcupine87'" <porcupine87 AT news.piratenpartei.de>, <ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de>
- Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?
- Date: Wed, 9 May 2012 18:18:29 +0200
- List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
- List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
@porcupine87
Da kann ich dir zur Abwechslung fast generell zustimmen.
> Desweiteren hätten die Organisationen profitiert, die ihre Aktiva nur mit
> Bedacht an Debitoren mit hoher Bonität
> verliehen hätten. Das sind die, die in der Boomphase am wenigsten
> profitiert haben.
Das stimmt. Das Problem ist allerdings, dass es davon kaum mehr welche gab.
In der Boomphase wollte kaum einer mehr etwas mit Finanzunternehmen zu tun
haben, die nicht ihre Bilanz über die Verschuldung massiv ausweiten, um über
den erhöhten Leverage ihre Eigenkapital-Rentabilität zu erhöhen. Sprich die
vorsichtigen Unternehmen wurden im Boom marginalisiert und etliche davon sind
dann halt übernommen worden oder wurden kleiner etc.
>Anders wäre die fast chancenlos, die bereitwillig verliehen haben
>(fahrlässig mit Bonität umgegangen sind) und die
> größten Profiteure der Boomphase waren. Also ich käme damit aus ethischen
> Gesichtspunkten klar. Du?
Aus ethischen Gesichtspunkten habe ich Probleme, dass man Banken mit
Steuergeldern rettet anstelle sie Pleite gehen zu lassen. Ganz klar. Nur: Mit
dieser Höhe der Verschuldung im System, die eben über Jahrzehnte aufgebaut
worden ist, riskiert man nicht nur eine schwere Rezession durch
Bankenpleiten, sondern einen Zusammenbruch des ganzen Systems. Nur ein
Beispiel: nach der Lehman Pleite im Herbst 2008 wurden z.B. auch keine sog.
"Letters of Credit" mehr akzeptiert. Diese werden vor allem benutzt, um Waren
zwischenzufinanzieren während sie von Hafen zu Hafen verschifft werden. Also
Produzent belädt Shiff, wird mit "Letter of Credit" vom Käufer bezahlt, wenn
die Waren "gesund" beim Abnehmer angekommen sind, dann kann der "Letter of
Credit" bei der Bank eingelöst werden. Dadurch werden die Waren während der
Fahrt finanziert und es ist ein Sicherungssystem.
Nur: Nach Lehman hat niemand mehr diese LoC akzeptiert (die Produzenten
hatten Angst, dass es die Bank, die den LoC ausstellt gar nicht mehr gibt,
wenn die Ware am Zielort angekommen ist). Folge war, dass die Schiffe voll im
Hafen geblieben sind. Dadurch kam der Welthandel zum Erliegen. Kurzfristig
ist das ok, aber wenn es mehrere Wochen anhält, dann geht verderbliche Ware
kaputt und die Global Supply Chain bricht zusammen. Da kannst du als
Unternehmen noch so gesund sein, wenn dir deine Vorprodukte ausgehen und du
keine mehr bekommst, dann gehst du trotzdem Pleite. Dadurch wiederum kann
keiner mehr produzieren und die reale Wirtschaft geht kaputt. Das hat sich
schlagartig gelöst, nachdem die Banken eben mit Staatsgeld rechnen konnten.
Dies ist aber nur ein ganz kleiner Teil der Problematik, der einfach zeigen
soll, wie dramatisch nahe der komplette Absturz der realen Wirtschaft war.
> Das Problem ist meiner Ansicht nicht die Verschuldung per se, sondern woher
> dieses Geld für die Verschuldung herkommt.
Schulden per se sind nicht ein Problem sondern ermöglichen eben auch viel
Wichtiges (es ermöglicht einem Unternehmen seine Kapazitäten zu vergrößern,
einem Haushalt, dass er sich ein Unternehmen kaufen kann, dem Staat, dass er
in wirtschaftlich schwierigen Zeiten trotzdem ein soziales Netz gewährleisten
kann etc.). Aber es kommt 1. darauf an, wofür man Schulden macht
(grundsätzlich kann man sagen, dass Schulden für Konsum nicht gut sind) und
2. wie hoch die Verschuldung insgesamt ist. Je höher die Verschuldung in
einem System ist, desto größer sind die Schäden, die dadurch angerichtet
werden können.
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ag-soziale_marktwirtschaft-bounces AT lists.piratenpartei.de
[mailto:ag-soziale_marktwirtschaft-bounces AT lists.piratenpartei.de] Im Auftrag
von porcupine87
Gesendet: Mittwoch, 9. Mai 2012 17:04
An: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft]Führt ein zu freier Markt zu
Monopolen?
@Daniel
Also du kannst schon Fachwörter verwenden. Dann lern ich auch noch was ;)
Also ich kann ja selber Begriffe googeln, nur war mir nicht ganz klar, was du
dabei meinst und warum das ausgelöst würde.
Mit anderen Worten sagst du: Wenn ein Markt mit hohem Fremdkapital arbeitet
und viel Collateralls verwendet werden, löst die Pleite eines großen
Instituts eine Art Dominoeffekt aus, da der Pfand nun liquidiert werden will,
was das Anegbot dieses Produktes erhöht und so den Preis senkt, wodurch eben
die Verleiher ihren Pfand so günstig verkaufen müssen, dass sie selber
Probleme bekommen usw.
Also ausgehend von 2007 bedeutet dies, dass die Organisationen (oder
Privatpersonen), die diese Produkte nachgefragt hätten, diese günstiger
bekämen und so profitiert hätten. Desweiteren hätten die Organisationen
profitiert, die ihre Aktiva nur mit Bedacht an Debitoren mit hoher Bonität
verliehen hätten. Das sind die, die in der Boomphase am wenigsten profitiert
haben. Anders wäre die fast chancenlos, die bereitwillig verliehen haben
(fahrlässig mit Bonität umgegangen sind) und die größten Profiteure der
Boomphase waren. Also ich käme damit aus ethischen Gesichtspunkten klar. Du?
Und man muss noch sagen, dass der verkaufte Collateral schlichtweg
überbewertet war und es dann eben zu einer Korrektur kommt. Ich finde nicht,
dass der überhöhte Wert der "faire Wert" wäre. Es wäre auch keine
Abwärtsspirale, wenn Löhne wie auch Preise fallen würden und Unternehmen, die
alle eine auf Schulden basierende bzw. "erfundenen"
Nachfrage bedienten. Das ist eine Korrektur, die natürlich weh tut, aber
nötig ist. 1000€ Schuldenaufnahme im Monat erhöhen auch mein Einkommen um
1000€ und wäre es nun unfair, wenn mein Einkommen wieder um 1000€ fällt und
sogar noch weiter, da ich die Schulden ja begleichen muss?
Das Problem ist meiner Ansicht nicht die Verschuldung per se, sondern woher
dieses Geld für die Verschuldung herkommt. Wurde dieses aus dem nichts
erschaffen (Geldmenge wächst), kann das langfristig nur zu einem
Zusammenbruch kommen. Nach der österreichischen Konjunkturzyklustheorie, wie
ich erklärt habe, geht das nicht anders. Geld hat einen Bezug zu anderen
Ressourcen und wenn man Geld druckt, und damit reale Güter nachfrägt, kann
das nicht gut gehen. Es muss zu einer Korrektur kommen.
Wenn die Verschuldung 1:1 Erspartes ist, ist das etwas ganz anderes. Wenn der
Debitor nicht bezahlen kann, verliert der Kreditor, fertig. Dann würde man
sich womöglich auch mal dafür interessieren, was eine Bank so mit dem Geld
macht. Was, die verleihen es an Unternehmen mit schwacher Bonität? An diese
verruchten Hedgefonds? Da bringe ich mein Erspartes mal lieber zu ner anderen
Bank. Fällt ein großer Schuldner um, kann der natürlich auch diverse
Gläubiger mitreißen (die die auf Risiko gesetz haben), eben die, die nicht
gut gewirtschaftet bzw. sich in der Kundennachfrage geirrt haben. Die Frage,
die die Österreicher aber stellen, ist, warum in einer Periode fast alle
Unternehmer sich irren? Es ist klar, der Markt ist nicht perfekt, jeder macht
mal Fehler und fällt um, aber warum plötzlich so viele.
-> Die Zeit des Booms ist die Phase, in der Unternehmer getäuscht werden.
Durch das erschaffene Geld wird ein Angebot an Kapital(= reale Ressourcen)
vorgegaukelt, dass nicht vorhanden ist. Die Zinsen wären viel höher, es würde
weniger in Kapitalgüter investiert etc. (wie erklärt). Die Bust-Phase ist die
Phase der Heilung.
Und um das noch klarzustellen: Wenn ein Bauer unverhofft pleite geht, können
Zulieferer (zB. Maschinenhersteller) ihre Produkte nicht mehr an diesen
vertreiben und müssen sie nun günstiger am Markt anbieten, was andere
Maschinenbauer ebenso tun müssen, wodurch manche pleite gehen, die dann ihrer
Bank nicht mehr mehr zurückzahlen könnem wodurch die Probleme bekommt etc.
Das ist - überspitzt - deine Erklärung.
--
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- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, (fortgesetzt)
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Christian . Seiler, 04.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Daniel , 04.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Christian Schmidt, 04.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, porcupine87, 04.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Daniel , 05.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, porcupine87, 07.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Daniel , 07.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, porcupine87, 07.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Daniel , 07.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, porcupine87, 09.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Daniel , 09.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, porcupine87, 09.05.2012
- Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?, Christian . Seiler, 04.05.2012
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