ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft
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- From: "Daniel " <ppdaniel71 AT googlemail.com>
- To: "'porcupine87'" <porcupine87 AT news.piratenpartei.de>, <ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de>
- Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Führt ein zu freier Markt zu Monopolen?
- Date: Mon, 7 May 2012 19:34:06 +0200
- List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
- List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
>> er Collateral wird verwertet (sprich verkauft)
>Was meinst du hier mit Collateral und warum wird er verkauft? Dann kann ich
erst darauf eingehen.
(Entschuldige, ich wollte mich bemühen, nicht zu viele Fachtermini zu
verwenden). Collateral bedeutet nichts anderes als "Pfand". Viele Kredite
(aber auch Derivate wie z.B. Swaps) werden eben mittels Pfändern besichert.
Ein Beispiel: Banken finanzieren Hedgefonds, dafür bekommen sie als
Sicherheit die Wertpapiere, die sich der Fonds mit dem Kredit kauft (dies
ermöglicht dem Fonds, seinen Leverage hochzufahren). Oder ein Hedgefonds
kauft sich einen Bond und gibt ihn in den Repo bei einer Bank
(Repo=Repurchase Agreement. Als Bondholder gebe ich der Bank den Bond und
vereinbare ihn morgen oder in einer Woche oder so ihn zu einem
vordefinierten Preis zurückzunehmen. Dafür bekomme ich von der Bank Geld für
die Zeit auf den ich einen Zins - den Reposatz - zahle. Auch dies ist ein
besicherter Kredit.)
Kredit ist hier sehr weit zu fassen. Jedenfalls hat der Geldgeber die
Wertpapiere als Sicherheit und verwertet sie dann im Falle einer Insolvenz.
Dies führt zu zusätzlichem Verkaufsdruck auf den Märkten und treibt die
Preise weiter runter und bringt somit weitere Marktteilnehmer in den
Abgrund. Nochmals: Das setzt eine Abwärtsspirale in den gang. Sprich es gibt
hier eben nicht nur ein irgendwie geartetes Gleichgewicht (der Markt strebt
ein Gleichgewicht bei 0 an, sprich da wo alle Pleite sind). Es ist in diesem
Fall nicht so, dass der Markt den fairen Wert der Wertpapiere sucht, sondern
er kreiert ihn selbst (er drückt die Preise soweit bis die Pleitewelle kommt
und dann stimmen eben die Preise). Dies ist eine Welt der "multiplen
Gleichgewichte". Auch hierzu gibt es genügend Forschung.
>Noch mehr Schulden verringern das Problem nicht.
Ja, die Verschuldung in etlichen Volkswirtschaften ist zu hoch (je nach Land
kann das die Staatsverschuldung oder aber auch die Verschuldung des
Finanzsektors, Privaten oder Unternehmen sein), das sehe ich auch so. Dies
ist eben ein Grund wieso so eine Abwärtsspirale überhaupt möglich wird.
Nur gibt es eben mehrere Wege, diese Verschuldung abzubauen und meines
Erachtens ist der Weg die Verschuldung allein über eine Pleitewelle
abzubauen nicht der Richtige. Vor allem nicht mittels einer unkontrollierten
Pleitewelle. Sprich wir bräuchten richtige und praktikable
Insolvenzverfahren für große Banken und für Staaten (übrigens auch ein Thema
dessen sich die österreichische Schule nicht annimmt. Geordnete
Insolvenzverfahren sind sowohl für Schuldner als auch für Gläubiger und die
Gesellschaft besser als ungeordnete/chaotische Insolvenzen. Bei großen
Banken und Staaten ist es eben aktuell so, dass es ungeordnete Insolvenzen
werden, wenn der Staat nicht hilft wie z.B. mittels der Finanzierung von
Abwicklungsbanken).
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ag-soziale_marktwirtschaft-bounces AT lists.piratenpartei.de
[mailto:ag-soziale_marktwirtschaft-bounces AT lists.piratenpartei.de] Im
Auftrag von porcupine87
Gesendet: Montag, 7. Mai 2012 19:04
An: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft]Führt ein zu freier Markt zu
Monopolen?
Das Problem ist nach Ansicht der Österreicher nicht die, dass mit relativ
viel Fremdkapital gearbeitet wird, sondern mit zusätzlichem Kapital, was
nicht 1:1 echtem Ersparten entspricht. Also kurz gesagt geht die Theorie so,
wie es sein sollte:
Es ist gegeben, dass ein Teil des Einkommens in den Konsum fließt, der
andere Teil gespart/investiert wird (was dasselbe ist). Der Marktzins setzt
sich aus diesem Angebot des Ersparten und einer Nachfrage zusammen.
Ändert sich die Zeitpräferenz, und wird mehr gespart, sinken die Zinsen,
wodurch mehr Kredite nachgefragt werden. Bei niedrigeren Zinsen werden
grundsätzlich langfristige Investitionen durchführbar (Investition in
Kapitalgüter). Der Sparer sagt hier "Ich kann warten, habe heute weniger,
dafür in der Zukunft um so mehr". Der Investor, der sich eben dieses Geld
leiht, hat dieselbe Präferenz, wenn er in diese Kapitalgüter investiert, die
sich eben erst in ferner Zukunft amortisieren. Die gesamtwirtschaftliche
Präferenz der Sparer und der Investoren (die mit dem Kapital der Sparer
arbeiten) ist gleich. Wenn nun mehr in Kapitalgüter investiert wird (als
Beispiel mal Forschung, Immobilienbau etc.), bedarf es dazu mehr Ressourcen
(Materialien, Arbeitskräfte etc.), wodurch die Preise steigen. Da aber ein
höherer Investitionsgrad im Bereich Kapitalgüter vorausetzt, dass die Zinsen
niedriger sind, was voraussetzt, dass mehr gespart wird, was voraussetzt,
dass weniger in den Konsum fließt (zB. Kino, Restaurant), sinkt die
Nachfrage nach Konsumgütern, wodurch dort Preise fallen. Das kann sagen,
dass die Trucks, die vorher für die Konsumgüterproduktion transportiert
haben nun frei werden, um für die Kapitalgüterproduktion zu transportieren.
Alles passt. Ändert sich die Zeitpräferenz der Sparer wieder, so dass sie
wieder mehr konsumieren, steigt der Zins und Ressourcen werden wieder vom
Kapitalgüterbereich zum Konsumgüterbereich tranformiert. Die Präferenz
ändert sich ja nur langsam.
Was passiert aber nun, wenn der Zins niedriger liegt, sei es durch
Kreditexpansion der Zentralbanken (zB. niedriger Leitzins), sei es durch
Geschäftsbanken (Teilreserve), da das Angebot an Kapital höher ist? Die
Sparer wollen noch genauso viel konsumieren, jedoch wird mehr im
Kapitalgüterbreich investiert. Die Nachfrage insgesamt nach den knappen
Ressourcen steigt, wodurch Preise steigen (Löhne, Verbraucherpreise) und und
es sieht nach einem normalen Wirtschaftswachstum aus. Die Trucks werden zB.
nun an zwei Ecken gebraucht, also werden sie teurer. Nun steigen die Preise
als höher als erwartet und langfristige Investitionen stellen sich als nicht
profitabel heraus. Zeitgleich stellen die Sparer fest, dass sie ihre
Zeitpräferenz nicht erreicht haben (sie können sich aufgrund höherer Preise
weniger kaufen), wodurch diese noch weniger sparen und noch mehr
konsumieren. So kommt es irgendwann zu einem Crash.
Ich persönlich halte diese Theorie für stichhaltig. Geld wird hier als reale
Ressource betrachtet, was sie auch ist. Geld ist nur ein Medium des direkten
Tausches. Bei jedem Projekt, für das man sich Geld leiht, wird dieses Geld
in reale Ressourcen wie Arbeitskraft, Öl, etc umgewandet.
> er Collateral wird verwertet (sprich verkauft)
Was meinst du hier mit Collateral und warum wird er verkauft? Dann kann ich
erst darauf eingehen.
> Hier die "Reinigung" zu verlangen überschiesst das Ziel total, kreiert
> unnötige Staats-/Banken-/Unternehmenspleiten und damit extreme soziale
> Probleme.
Kurzfristig tut es sehr weh. Wie ein Drogenentzug. Langfristig wird man
besser dran sein. Wenn der nächste Bust kommt und die Staaten nicht mehr so
viel Spielraum für Schulden haben, werden wir sehen. Selbst wenn man heute
erkennt, dass niedrige Zinsen zu Blasen führen und man das Zinsniveau
erhöhen könnte, wäre das unmöglich, da die Staaten heute viel zu
überschuldet sind. Die würden dann alle umfallen. Noch mehr Schulden
verringern das Problem nicht.
> Es bedarf hier kurzfristig eines "Lenders of Last Resort"
Durch diese Notenbank kann die Teilreserve ja erst so niedrig gehalten
werden, wodurch wiederum die Zinsen sind. Das schlimmste, was einer Bank
passieren kann, ist, dass sie kurzfristig illiquide werden, auch wenn es nur
ein paar Kunden betrifft und auch nur 5min. Da aber über Nacht bei der
Zentralbank was geliehen werden kann, kann man die Barreserve so niedrig
halten.
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