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nrw-duisburg - Re: [NRW-Duisburg] BPT112

nrw-duisburg AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Infos für Duisburger Piraten

Listenarchiv

Re: [NRW-Duisburg] BPT112


Chronologisch Thread 
  • From: Michael Ke <arrgh AT cooliator.com>
  • To: Infos für Duisburger Piraten <nrw-duisburg AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [NRW-Duisburg] BPT112
  • Date: Thu, 08 Dec 2011 12:17:46 +0100
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/nrw-duisburg>
  • List-id: Infos für Duisburger Piraten <nrw-duisburg.lists.piratenpartei.de>

Ich möchte hier kurz Stellung zu Gerds Beitrag nehmen, und mich auf die von Jung aufgestellte Forderung nach Beantwortung der Finanzierungsfrage beschränken. Jung legt hier mit Recht seinen Finger in die Wunde, wir selbst sollten Salz hinein streuen, um nicht im Unverbindlichen zu bleiben.
Ich sehe diese Frage auch stellvertretend für unseren Umgang mit anderen Themen.
Wahlerfolge sind für uns notwendig, wenn wir nicht außerparlamentarische Opposition bleiben, sondern selbst gestaltend
mitwirken wollen. Dazu müssen wir mit offenen Karten spielen.

Du hast dazu zwar geschrieben, Gerd, aber diese Finanzierungsfrage sehe ich noch immer als unbeantwortet.


Am 07.12.2011 16:24, schrieb bonbini:

Dirk (duisblog) zitiert (zustimmend, denke ich) folgenden Text in seinem
Beitrag:

duisblog schrieb:

Hätten die PIRATEN an dieser Stelle beschlossen, dass die
flächendeckende Grundversorgung aus zusätzlichen Abgaben der
Besserverdiener und Vermögenden finanziert werden soll, dann würde
dies ihre „Links-Rechts-Neutralität“ aufheben. Eine solche Forderung
käme einem klaren Bekenntnis zu linken Positionen, nämlich einer
Verteilung von Vermögensverhältnissen von oben nach unten, gleich.

Und so bleibt es, ähnlich wie bei der Forderung nach einem geeinten
aber demokratischen Europa oder einem fahrscheinlosen Nahverkehr, bei
einem begrüßenswerten Wunsch ohne die notwendigen politischen
Konsequenzen.

Die PIRATEN beschränken sich insofern darauf, gemeinsame Wunschzettel
mit hohem Zustimmungspotenzial auszufüllen. Den Preis hierfür, nämlich
eine klare Positionierung in Bezug auf die Frage, wer für was
aufkommen soll, ein deutliches Bekenntnis zu einer solidarischen
Gesellschaft oder die Forderung nach einer gerechten Verteilung von
Ressourcen und Optionen, will die Partei jedoch nicht zahlen.

Wenn sich hieran in der Zukunft nichts ändert, dann ergibt sich der
politische Standort der Partei ganz von selber: Sie wird dann in die
Nachfolge der sterbenden FDP eintreten und hauptsächlich eine
modernere Version von Liberalismus anbieten. Sicher ist diese Position
im parlamentarischen System wichtig. Mit revolutionären Konzepten oder
einer neuen Sicht auf die Welt hat sie allerdings nur wenig zu tun.

Ich finde diesen Kommentar insofern interessant, weil er, wie auch schon
HP geschrieben hat, im klassischen sozialdemokratischen /
sozialistischen Denken verharrt. Es hat ja durchaus seinen Grund, wenn
Linke, Gewerkschaften und SPD das bedingungslose Grundeinkommen (BGE)
fürchten wie der Teufel das Weihwasser, würde es doch ihre Stammklientel
endlich emanzipieren und von ihrer Fürsprache deutlich weniger abhängig
machen. Aber anstatt diesen zentralen Punkt zu benennen, flüchten sie
sich gerne in die Frage der Finanzierung, um das BGE damit abzuschmettern.

Die in Deinem letzten Satz aufgestellte Behauptung sehe ich nicht so. Jung spricht ausdrücklich von einem "begrüßenswerten Wunsch".

Du argumentierst hier "ad hominem", nach dem Muster:
Der Gegner behauptet, dass p.
Der Gegner ist inkonsequent/dumm/unfähig/unwahrhaftig/selbstsüchtig.
p ist abzulehnen.
vgl. https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Ad_hominem

Wobei p in diesem Fall Jungs sachlich zentraler Punkt ist, nämlich die Forderung der Beantwortung der Finanzierungsfrage ist.



Was das BGE (unter anderem) bewirkt: Abhängig Arbeitende müssen vor
einem möglichen Jobverlust nicht mehr so viel Angst haben wie heute, da
sie nicht auf ein Hartz IV-Niveau heruntersacken. Das bedeutet auch:
Abhängig Arbeitende können selbstbewusster gegenüber den Unternehmen
auftreten, können eher mal Nein sagen, müssen sich nicht mehr alles
gefallen lassen. Und, was vielleicht noch viel wichtiger ist: Das Leben
rückt wieder in den Mittelpunkt. BGE bedeutet nämlich: Wir wollen kein
"Recht auf Arbeit", sondern ein "Recht auf menschenwürdiges Leben".

Diese Einschätzung teile ich, auch deshalb bin ich FÜR ein BGE.


Das können Gewerkschaften und Linke / SPD natürlich nicht gutheißen,
weil sie ja ihre Klientel unbedingt zur (Lohn-) Arbeit treiben wollen
und die Arbeit als das Alleinseligmachende ansehen, egal, wie erbärmlich
sie sein mag. Durch das BGE merken aber viele Menschen, dass das gar
nicht stimmt.

Erneut "ad hominem". Aber solange nicht klar ist, ob z.B. Steuern auf Arbeit oder Steuern auf Wertschöpfung das BGE finanzieren soll, ob und wo ggf. Einsparungen / Kürzungen vorgenommen werden, bleibt mangels nachgewiesener und erklärter Alternative in den Augen potentieller Wähler Arbeit eben das "Alleinseligmachende".


Ich glaube, dies ist ein Grundkonflikt der Diskussion für oder gegen
BGE, nämlich die implizite Arbeitsphilosophie - hat man sie oder hat man
sie nicht? Das gälte es doch zunächst einmal zu thematisieren. Und dann
können wir über Finanzierung sprechen, für die es auch einige Modelle
gibt. Angefangen bei der Nutzung der derzeitigen
Sozialtransferleistungen Deutschlands, die inzwischen über 800
Milliarden Euro pro Jahr betragen. Nun rechnen wir doch mal: Wir haben
etwa 70 Millionen Bundesbürger über 15 Jahren. Wenn jeder pro Monat 1000
Euro BGE erhielte, machte das pro Monat 70 Milliarden Euro aus. Mal 12:
840 Milliarden. Finanzierungslücke: knapp 40 Milliarden pro Jahr. Klar,
das ist in dieser Form natürlich extrem simplifiziert, aber es zeigt,
dass ein BGE zu finanzieren so utopisch nicht ist.

Hier kann ich zum ersten mal erahnen, wie Du Dir die Finanzierung vorstellst. Es könnte, ich will Dich da aber nicht festnageln, also theoretisch beim bisherigen System der Mittelherkunft bleiben? Wie gehen wir dann mit demographischen Veränderungen um, damit das BGE zukunftssicher ist?


Konkrete Finanzierungsvorschläge gibt es einige, so das Werner-Modell
oder das Dilthey-Modell, um nur zwei zu nennen. Die haben beide nix mit
dem klassischen Umverteilungsmodell zu tun (den "Reichen" wegnehmen, den
Bedürftigen geben).

Wie Du selbst schreibst: "Konkrete Finanzierungsvorschläge gibt es einige". Aber mit welchem wollen wir das BGE bezahlen. Wollen wir eine "Maßstabsgerechtigkeit" mit gleichem Steuersatz für alle Einkommen, oder wollen wir die ökonomisch Stärkeren z.B. weiterhin mit progressiven Einkommensteuersätzen zur Finanzierung heranziehen?
Wollen wir nur den Konsum über MwSt besteuern, und die Einkommensteuer komplett abschaffen? Wird mit den Finanzierungsvorschlägen den immer weiter klaffenden Einkommens- und Reichtumsunterschieden begegnet, oder finden wir sie richtig und gerecht?
Ein Beispiel aus der nicht zu fernen Vergangenheit:
Ein großer Teil der Kosten der Wiedervereinigung wurde von der Gemeinschaft der Rentenversicherten getragen, nicht von allen (Steuer-)Bürgern, was m.E. gerechter gewesen wäre.
Wollen wir unsere potentiellen Wähler über die Finanzierung des BGE im Unklaren lassen, und später mit einer ähnlichen Lösung aufwarten?


Weil, den /wirklich /Reichen wird sowieso nix
weggenommen, weder von der SPD noch von der Linken.

Wie siehst Du in diesem Zusammenhang denn die Forderungen nach Wiedereinführung einer Vermögenssteuer und Erhöhung des Spitzensteuersatzes durch zumindest einige "Sozis"?
Und warum hier so fatalistisch, wo Du von einer "fundamental anderen Art von Gesellschaft" redest, fast schon von einer "konkreten Utopie" im Sinne Ernst Blochs:

Die BGE-Finanzierungsmodelle gehen dagegen von einer fundamental anderen Art
von Gesellschaft aus - so wie ja auch das BGE die Gesellschaft
fundamental verändern wird, weil es Lohnarbeit und Einkommen entkoppelt.



Aber das ist das Problem von SPD, Gewerkschaften und Linken: Eine solche
fundamental andere Art von Gesellschaft, eine Gesellschaft der
emanzipierten Bürger, können sie sich nicht nur nicht vorstellen, sie
wollen sie auch gar nicht, weil sie sich in unserer Gesellschaft so
bequem eingerichtet haben.

erneut "ad hominem".



Alles (ob BGE oder kostenloser ÖPNV) ist eine Frage des Wollens - und
nicht der Wünsche, wie es in obigem Kommentar heißt. Und zu jedem Punkt
gibt es etliche Machbarkeitsberechnungen, meine sind nur beispielhaft
angeführt. Wer den entsprechenden Forendiskussionen folgt oder die
Wiki-Seiten dazu studiert, der wird jede Menge machbarer
Finanzierungsvorschläge finden.

Hier ist mir der von Dir betonte Unterschied zwischen wollen und wünschen nicht verständlich. Wieder führst Du an, dass es "jede Menge" Finanzierungsvorschläge gibt, aber welchen Du - geschweige denn die Piraten - bevorzugst, bleibt abermals offen und beliebig.


Ein letztes Wort zum FDP-Vorwurf: Das ist einfach nur lächerlich. Die
FDP ist eine Klientelpartei der Besserverdienenden. Was hat das mit den
Piraten zu tun? Wir treten ein für umfassende gesellschaftliche Teilhabe
aller Bürger, sowohl politisch als auch hinsichtlich der finanziellen
Grundlagen (ReSET, BGE). Wir treten ein für kostenlose Bildung,
kostenlosen ÖPNV etc. Und genau diese Mischung macht ja die Sprengkraft
der Piraten aus: Weil sie neue Parameter setzen wollen für diese
Gesellschaft, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Es ist einfach, zu
schreien: "Nehmt den Reichen das Geld weg." Verschafft vielleicht ein
gutes Gewissen, löst aber wohl kaum die grundlegenden Probleme unserer
Gesellschaft.

Hier drehe ich den Spieß mal einfach um:

Es ist einfach, zu schreien: "Wir treten ein für umfassende gesellschaftliche Teilhabe aller Bürger. Wir treten ein für kostenlose Bildung, kostenlosen ÖPNV etc."(vgl. Jung "Wunschzettel")
Verschafft vielleicht ein gutes Gewissen, löst aber wohl kaum die grundlegenden Probleme unserer Gesellschaft.

Wenn und solange der Finanzierungsweg nicht benannt wird!


Gruß

Michael





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