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ag-liquid-democracy - Re: [AG Liquid Democracy] Korruptionsanfälligkeit?

ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Liquid Democracy in der Piratenpartei

Listenarchiv

Re: [AG Liquid Democracy] Korruptionsanfälligkeit?


Chronologisch Thread 
  • From: Friedrich Lindenberg <friedrich AT pudo.org>
  • To: LD Entscheidungs- und Diskussionsplattformen in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [AG Liquid Democracy] Korruptionsanfälligkeit?
  • Date: Mon, 12 Oct 2009 11:42:00 +0200
  • List-archive: <http://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-liquid-democracy>
  • List-id: LD Entscheidungs- und Diskussionsplattformen in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy.lists.piratenpartei.de>

Hey Carlo,

2009/10/12 carlo von lynX <lynX AT pirate.my.buttharp.org>:
> Ich postuliere hiermit, als Designkriterium an LD-Software,
> dass Delegationen geheim sein müssen, sonst wäre Liquid Democracy
> in der Tat sehr korruptionsanfällig.

Ich bekomme immer Bauchschmerzen, wenn wir diskutieren welche Daten
innerhalb einer LD geheim sein müssen. Das hat drei Gründe:

1. Durch geheime Datenhaltung steigt der Wert eines Einbruchs. Wenn
man bereits eine offene API hat, mit der man den Delegationsgraphen
freigibt, dann ist das worst case-Szenario, dass jemand herausfindet
wir man fehlerhafte Wahleinträge erzeugt. Das kann man noch durch
externe Kontrollen erkennen und dann entsprechend öffentlich machen.
Die Sicherheit des Delegationsgraphen zu gewährleisten erfordert
dagegen eine vollständige Absicherung der Anwendung und macht einen
Einbruch zum wirklichen Problem.

2. Viele der vorgeblich geheimen Daten lassen sich mehr oder weniger
gut heraus-"triangulieren". Ganz unmöglich ist daher z.B. die
"geheime, aber nicht anonyme" Abstimmung die neuerdings in der
Diskussion ist: Natürlich will ich wissen wie jemand in der
Vergangenheit gewählt hat bevor ich ihm/ihr meine Stimme delegiere.
Ebenso will ich ja im Nachhinein eine Möglichkeit zur Kontrolle und
Korrektur haben. Das gleiche gilt für die Delegationsdaten: ich kann
einfach durch das Timing ermitteln, welche Stimmen wahrscheinlich als
Konsequenz einer bestimmten Delegation abgegeben wurden.

3. Die Delegationsdaten sind eine wertvolle Ressource nicht nur für
Lobbyisten, sondern auch für mich als User: ich kann erkennen, wer bei
einer bestimmten Debatte im Zentrum steht und wer die zentralen
Positionen vertritt. Ich kann dann durch meine Delegation an eine
bestimmte Person Teil einer themenbezogenen Fraktion werden. Beim Liqd
e.V. Konzept ist diese Mitgliedschaft sogar in sog. Bündnissen
formalisiert - das halt ich persönlich für ein wenig dick aufgetragen;
aber der grundsätzliche Mechanismus muss existieren.

> dass seine Wunschpolitik durchkommt. Somit würde LD optimiertes Handeln
> der Lobbies ermöglichen.

Du meinst weil der Lobbyist anstatt den Ausschussmitgliedschaften in
der Partei zu folgen jetzt jeden Morgen eine Netzwerkanalyse des
betreffenden Delegationsgraphen machen muss? Ich sehe da keine
Verschlimmerung - im Gegenteil ist doch grade hier die Stärke: sollte
ein korrupter Akteur bekannt werden, kann das sofort durch die Gruppe
kommuniziert und im Delegationsschema reflektiert werden.

> Es ist das Wesen eines guten Lobbyisten oder Politikers mit hidden
> agenda, dass er überzeugende Argumente pro oder contra einer
> Gesetzesinitiative finden kann, je nach dem wie es ihm gerade in den
> Kram passt.

Ich glaube das nennt man "Argumentation" und es ist ein wenig das
Ziel. Am besten wäre es, wenn man die wirklich guten Argumente der
Lobbyisten dann auch irgendwann in der Diskussionsplattform der LD
wiederfindet und dort einer öffentlichen Kontrolle aussetzen kann.

Zu dieser Veröffentlichung könnten eben jene korrumpierten Delegaten
dienen, die Du als das zentrale Problem siehst: sie wurden im Privaten
von einem Lobbyisten überzeugt und müssen ihre abweichende
Entscheidung jetzt gegenüber den eigenen "Followern" erklären. So
kommen die Argumente der Lobby dann endlich ans Licht.

Man muss also Werkzeuge schaffen, die es erlauben, dass diejenigen die
nicht aktiv an einer Debatte teilnehmen und ihre Stimme delegiert
haben schnell die Argumentationsweise ihres Vertreters nachvollziehen
und prüfen können. Dann muss nur wenigen auffallen, dass diese
inkonsistent ist, um eine Korruption aufzudecken und den Vertreter zu
diskreditieren.

Hier wird glaube ich mehr und mehr deutlich, wie wichtig es ist nicht
die Diskussion von der Abstimmung zu entkoppeln: beides muss verknüpft
sein, um einen peer review der Positionen zu begünstigen.

Soweit,

Friedrich




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