nrw-pg-struktur AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Nrw-pg-struktur mailing list
Listenarchiv
- From: Thomas Nesges <thomas AT nesges.eu>
- To: nrw-pg-struktur AT lists.piratenpartei.de
- Subject: Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie"
- Date: Wed, 26 May 2010 10:42:08 +0200
- List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/nrw-pg-struktur>
- List-id: <nrw-pg-struktur.lists.piratenpartei.de>
Moin,
Am 25. Mai 2010 19:22 schrieb fukami <fukami AT piratenpartei-nrw.de>:
> Als allererstes eine Frage, die ich gerne beantwortet haben würde: Wer kennt eine wahrlich basisdemokratisch organisierte Struktur (Partei, Verein, Gewerkschaft usw.usf.)? Und wer hat damit Erfahrungen gemacht?
wirkliche Basisdemokratie kenne ich nur aus Kleinstgruppen. Zwei Beispiele, die einen vollkommen anderen Kontext haben, aber vielleicht ein paar Probleme mit der Basisdemokratie aufzeigen:
Metalclub, ca 25 Mitglieder
Alle Entscheidungen die hier getroffen werden, werden demokratisch getroffen, d.h. alle werden gefragt und man einigt sich auf den Kompromiss, dem die meisten zustimmen können. Es gibt keine Vorstände oder andere Ämter, sondern ausschliesslich einfache Mitglieder. Reglementiert ist der Entscheidungsprozess nicht, man tut es einfach.Die Beteiligung an Entscheidungen liegt im Mittel bei 50%. Die Entscheidungen haben allerdings auch keine Tragweite. Es geht um Fragen wie "Auf welches Festival fahren wir?", "Wann soll die nächste Party statt finden?" etc.
MMORPG Spielergemeinschaft, ca 80 Mitglieder
Auch hier haben wir den Anspruch alle Entscheidungen demokratisch zu fällen. Ich habe diese Spielergemeinschaft mehrere Jahre geleitet - und an der Stelle sieht man mE schon den Bruch mit der Basisdemokratie. Bereits in dieser Größe werden Entscheider gebraucht, die den Ton angeben, wenn es notwendig ist, Verhandlungen führen wenn Allianzen geschmiedet werden und Termine einfach mal festlegen. Wir haben das Experiment gewagt all diese einfachen Entscheidungen durchzudiskutieren, mit dem Ergebnis, dass man nicht mehr zu Ergebnissen kam. Entscheidungsfreude ist das Stichwort. Die wird auf allen Ebenen einfach erwartet, sei es von externen, die eine Antwort auf ihr Allianzangebot haben wollen, oder sei es von internen, die einen Termin nicht ewig durchdiskutieren, sondern loslegen wollen.
Das Haupt-"Problem" mit der Basisdemokratie ist mE ihre Langsamkeit. Das erleben wir ständig auf Parteitagen: Wir diskutieren stundenlang um minimale Ergebnisse einzufahren. Wir werden uns irgendwann entscheiden müssen ob wir das in Kauf nehmen oder über andere Entscheidungswege nachdenken. Ich bin, was unsere "Kleingruppe" Partei angeht, da vollkommen offen. Allerdings muss ganz klar sein, dass das Konzept nicht konsequent auf eine höhere Ebene transportiert werden kann - einen Staat (als eine der möglichen höheren Ebenen) würde das unterminieren, da er nicht mehr handlungsfähig wäre.
Wir sollten uns deshalb auch die Frage stellen, warum wir überhaupt so erpicht darauf sind basisdemokratisch zu arbeiten.
Bei alle anderen Gliederungen ist der Diskurs sehr viel komplexer:
- Wer ist die Basis auf Ebene des
- Bundes?
- Landes?
- Kreises?
- …?
mE ist "die Basis" in jedem Fall möglichst auf ihren Spielraum zu begrenzen. D.h. Entscheidungen des Bundes kann nur die Bundesbasis treffen, Entscheidungen des Landes kann nur die Landesbasis treffen, Entscheidungen des Kreises kann nur die Kreisbasis treffen, etc. In der vertikalen betrachtet darf keine höhere Basis der unteren Vorschriften über dessen Gebiet machen. Der lokale Player kennt seinen Bereich am besten. Um das MMORPG-Beispiel nochmal aufzugreifen: Die Entscheidung welcher Dungeon angegangen werden soll, trifft selbstverständlich nur die Gruppe der Spieler, die auch Dungeons besuchen will. Die Entscheidung in welches PvP-Gebiet man sich begibt, die Gruppe der PvP-Spieler. Es würde keinen Sinn machen, dort eine Entscheidung von oben (gesamte Gemeinschaft) nach unten (PvP-Spieler) durchzudrücken.
In der Horizontalen betrachtet, wird es noch viel klarer: Warum sollten die PvP-Spieler sich an Entscheidungen der Dungeonrunner beteiligen? Einfach nicht ihre Spielwiese.
Wenn ich beginne, einen Unterschied zwischen diesen Ebenen zu ziehen, kommen ich an das erste Problem: Beschreibe ich ein "oben"? Wenn ja, wie und woran ist die Vertikale ausgerichtet? Wie ist der Entscheidungsprozess und wie die Verpflichtung zur Umsetzung geregelt?
Ein "oben" sehe ich auf jeden Fall, die Vertikale richtet sich - zurück in der Partei - nach Verbandsgrenzen. Die letzte Frage ist komplizierter: Hält sich "das oben" komplett aus Entscheidungen heraus, die "das unten" betreffen? Tut es das nicht, ist "dem unten" dann erlaubt die Entscheidung zur ignorieren? Wünschenswert wäre mMn, wenn man beide Fragen mit ja beantworten könnte, damit die Spielwiesen klar sind und eingehalten werden.
Gruss,
Thomas
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", (fortgesetzt)
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", Olaf Wegner, 28.05.2010
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", fukami, 26.05.2010
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", John Martin Ungar, 26.05.2010
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", Thomas Nesges, 26.05.2010
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", fukami, 26.05.2010
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- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", Hartmut Müller, 26.05.2010
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", fukami, 26.05.2010
- Re: [NRW PG Struktur] Diskurs "Basisdemokratie", Hartmut Müller, 26.05.2010
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