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ag-liquid-democracy - Re: [AG Liquid Democracy] Abstimmtool der Schweizer

ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Liquid Democracy in der Piratenpartei

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Re: [AG Liquid Democracy] Abstimmtool der Schweizer


Chronologisch Thread 
  • From: Hans Brucker <hb AT anubia.de>
  • To: LD Entscheidungs- und Diskussionsplattformen in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [AG Liquid Democracy] Abstimmtool der Schweizer
  • Date: Thu, 01 Jul 2010 12:47:25 +0200
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-liquid-democracy>
  • List-id: LD Entscheidungs- und Diskussionsplattformen in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy.lists.piratenpartei.de>

Hallo Carlo,

danke, gute Punkte.


On 01.07.2010 00:51, carlo von lynX wrote:
On Tue, Jun 29, 2010 at 07:41:54PM +0200, Hans Brucker wrote:
Da geht noch was :-)
Ich denke auch, dass eine cryptographische Lösung zu vielen
unseren Bedürfnissen machbar ist, aber es ist wohl wahr dass
für 99% der Anwender dies bedeutet, dass sie eine Software
installieren, die dann wohl das tut was sie soll.

Das ist im Prinzip genauso wie in unserem Netzalltag, wir
verwenden TLS, SSH usw. und 99% von uns haben sich den
Source nicht wirklich reingezogen. Bestenfalls haben wir
das Zeug selbst compiliert.

Ja, irgendwo ist immer eine Vertrauens-Schnittstelle.

Wir glauben ja auch, dass die BP Wahl gestern wirklich stattgefunden hat, und das nicht nur eine Inszenierung von Schauspielern war, die alle von den Bilderbergern bezahlt werden, die von einem geheimen Bunker unter der Zugspitze aus die Welt regieren :-)

Letztlich geht das nur über eine Art Peer-To-Peer-System, bei dem sichergestellt ist, dass jeder sich ein System installieren kann, das den gesamten Vorgang spiegelt und in sich und das für sich und in sich überprüfbar ist.

Durch die grundsätzliche Architektur des Systems muss sichergestellt werden, dass Fälschungen zu Asymmetrien führen _müssen_, die unübersehbar sind.

Gewissen Basistechnologien (PGP) muss vertraut werden, bzw. es muss wissenschaftlichen Gesichtspunkten rechenschaftspflichtigen Experten vertraut werden. Wobei einzelne Implementierungen jederzeit überprüfbar sind.

Die philosophische Frage an diesem Punkt der Entwicklung der
Menschheit ist, können wir unsere Demokratie und ähnlich
wichtige Dinge dem Kollektiv der open-source-Experten
anvertrauen? Können wir überhaupt den Devices trauen, auf
denen wir unsere Crypto-Anwendungen betreiben? Im Falle
unseres Laptops also einem ganzen Betriebssystem, auf das
die Software aufbaut.

Es gibt sogar noch eine surreale Matrix-like-Ebene: Wie kann
unsere Crypto-Software sicher sein, dass sie nicht in einer
virtuellen Maschine mit getürkten Zufallsgeneratoren läuft?
Wie kann der Anwender das erkennen?

Vielleicht könnte man eine Technologie so designen, dass sie
nur funktioniert, wenn sie unmodifiziert und unverfälscht ist.
Man also nur cheaten kann, wenn man das gesamte dezentrale
System bei allen Anwendern austauschen kann. Dann kann das
immernoch nicht jeder nachvollziehen, aber dem als Kollektiv
Partei oder Wahlvolk zu vertrauen mag erträglicher erscheinen.
Aber ist das von der Aufgabe her nicht ähnlich einfach wie DRM?

Schade, irgendwie gefiel mir die Vorstellung mit Cryptographie
eine dezentrale und geheime Lösung zu ermöglichen. Aber wem nutzt
das, wenn nur ein Teil der Anwender dem vertrauen kann

Letztlich geht es hier doch um das Spannungsfeld zwischen sozialem und rationalem Vertrauen.

Die Totaldelegations- und Totaltransparenzfraktion schlägt ja gerne in diese Kerbe, wenn argumentiert wird, dass Expertentum subjektiv ist und durch soziales Vertrauen gleichwertig ersetzt werden können sollte, damit auch (in extremis) selbst der völlig Ahnungs- und Interesselose nicht 'ausgeschlossen' werden kann.

Darüber wo der Glaube aufhört und das Wissen anfängt, haben schon Generationen von Philosophen ihre Tinte vergossen. Und natürlich ist Wissen immer subjektiv.

Das macht die Totalargumentation der Totalfraktion ja auch so verführerisch, exemplarisch:

(A) Wer weiss denn schon was. Des Einen Experte ist des Anderen Ideologe. Und es gibt sooo viele Lieschen Müllers im Land mit Null Ahnung. Die können wir nicht alle ausschliessen, oder zum Denken 'zwingen', weil, es geht ja um die Absolute Freiheit(TM) und da geht Zwang halt schon mal gar nicht. Ausserdem ist denken mühsam und würde ohne den ja verbotenen Zwang in grossem Stile erst gar nicht in Gang kommen. Besser also, alle Desinteressierten, Faulen und Dummen delegieren an den Politiker, der die schönste Frisur mit den schönsten sinnfreien Versprechungen kombiniert, ohne dass wir sie zum schmerzhaften Gebrauch ihres süssen Köpfchens 'gezwungen' haben. Das ist Partizipation in der Demokratie zum Nulltarif. Bewegung ohne Reibung. Neuverschuldung ohne Rückzahlung. Wir haben das gesellschaftliche Perpetuum Mobile erfunden.

(B) 100% sicher? Geht nicht. Also probieren wir es erst gar nicht mit dem Datenschutz, dann liegen wir 100% richtig. Ist zwar das falsche Paradigma, aber wir können es 100% Richtig(TM) umsetzen. Und richtig und falsch, das sind die Dinge, die zählen. Lieber eine Brücke nach nirgendwo 100% richtig bauen, als woanders einen Kompromiss machen, der ja dann, durch seinen Kompromisscharakter, einen Anteil von Falschheit(TM) in sich trägt. Und für Falsches geben wir uns eben prinzipiell nicht her, da stehen wir drüber. Klar, nach dieser Logik ist der Tote 100% gesund, weil, er hat ja keine Krankheiten. Das ist doch mal eine schöne, saubere, totale Lösung. Totalitäre Diktatoren fahren total ab auf so was.

Aber, war da nicht noch was? Ist da nicht noch was passiert?

Richtig! Aufklärung und Wissenschaft sind passiert.

Und diese Wissenschaft hat ermöglicht einen Bereich aufzubauen, der objektiv genannt werden kann. Das Paradigma der ständigen Hinterfragung ist originellerweise der einzige Rahmen, der einen gewissen Grad objektiver Gewissheit herstellen kann. Peer-Review und die Erfordernis von Transparenz und jederzeitiger Nachvollziehbarkeit von Versuchsaufbauten und Algorithmen, mit denen die gezogenen Schlüsse hergeleitet werden.

Wissenschaft hat es ermöglicht soziales Vertrauen durch rationales Vertrauen zu ersetzen.

Wenn du dich vor 500 Jahren in den Finger geschnitten hast und danach dein Arm langsam blau wurde, gingst du (sofern vorhanden) zum Heiler deines Vertrauens. Da dieser werden einen Pschyrembel noch ein Internet zur Verfügung hatte, war es reiner Zufall, ob aus diesem persönlichen Vertrauen aufgrund der persönlichen Kenntnisse des Heilers auch die einzig mögliche "Therapie" erwuchs (aua!).

Wenn du dich heute in den Finger schneidest und dein Arm langsam blau wird, wird der örtliche Medizinmann einen Woodoo Zauber machen, der für dich völlig undurchschaubar ist und überhaupt nicht nachvollziehbar (Isaac Asimov: "any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic"). Das Injizieren irgendwelcher Flüssigkeiten direkt in die Blutbahn ist lebensgefährlich und kann unter Umständen zum sofortigen Tod führen! Aber du vertraust ihm aus rationalen Gründen, weil du weisst, dass Antibiotika nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten getestet werden und der Experte (der Arzt) ebenfalls nach rationalen Kriterien entscheiden kann (Beipackzettel, lesen und verstehen wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema), ob du das Antibiotikum voraussichtlich verträgst oder nicht.

Bleibt da ein Restrisiko?

Natürlich, immer.

Wir haben die Wahl. Wir können ein System bauen, das von vorneherein wissenschaftliche und rationale Struktur hat und den Wandel von rein sozialem Vertrauen zu wissenschaftlichem Vertrauen fördert. Die Tradition der Wissenschaft weiterführend, die letztlich die Aufklärung und damit die freie und rationale Suche nach Lösungen aller Art ermöglicht hat.

Andererseits fühle ich mich immer so gut, wenn ich der Homöopathin aus dem ersten Stock in ihre schönen blauen Augen blicke. Schönes Vertrauen. Warm and fuzzy feeling. Und, wenn man das so ganz 100% korrekt sieht, geht an der absoluten 100%igen Totallösung für die Blutvergiftung ja doch kein Weg vorbei. Wir wollen ja keine blödsinnigen Kompromisse machen, nicht wahr? Also: Arm ab!

Cheers
Hans (who is back to the salt mines now)





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