Zum Inhalt springen.
Sympa Menü

ag-liquid-democracy - Re: [AG Liquid Democracy] Wir brauchen Delegation: Eine Antwort auf StreetDogg

ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Liquid Democracy in der Piratenpartei

Listenarchiv

Re: [AG Liquid Democracy] Wir brauchen Delegation: Eine Antwort auf StreetDogg


Chronologisch Thread 
  • From: StreetDogg <streetdogg AT gmx.net>
  • Cc: Liquid Democracy in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [AG Liquid Democracy] Wir brauchen Delegation: Eine Antwort auf StreetDogg
  • Date: Sun, 29 Jan 2012 20:44:12 +0100
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-liquid-democracy>
  • List-id: Liquid Democracy in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy.lists.piratenpartei.de>

Am 29.01.2012 17:39, schrieb Semon:
Zunächsteinmal, wenn sich 60 Leute drei Minuten mit einem Thema
beschäftigen oder drei Leute jeweils 60 Minuten, so würde ich immer
darauf Tippen das bei den drei Leuten eine sinnvollere Entscheidung
herauskommt.

Was ist, wenn sich statt 60 Leute, die sich 3 Minuten mit dem Thema beschäftigen, 3 Leute 3 Minuten mit dem Thema beschäftigen? Kommt dann auch was besseres dabei raus? Oder andere Rechnung: 1 Person beschäftigt sich 180 Minuten mit dem Thema. Ist das gut?

Man kann da viele Gedankenspiele aufstellen. Die Idee dahinter ist dass sich durch Arbeitsteilung die Qualität erhöht. Ich sehe da aber absolut keinen Automatismus dahinter, erst recht nicht, dass sich dabei ein Optimalzustand einstellt. Das ist die Idealvorstellung. Ob sich das mit der Praxis deckt, ist eher Glückssache. Und es kann durchaus auch zu einer Verschlechterung der Qualität führen. Wir haben z.B. im Bundesliquid das Problem, dass in einigen Bereichen bestimmte Strömungen stark überrepräsentiert sind, was sich durch die Delegationen nochmal dramatisch verschärft. Ganz banal ist das z.B. bei Abstimmungen über LQFB selbst. Aber es ist leider auch bei anderen Themen so.



Ich sehe auch nicht wieso Delegation die Diversität
derjenigen reduziert, die sich mit dem Thema beschäftigen. Meiner
Ansicht nach ändert sich daran garnichts: Wer sich mit dem Thema
beschäftigen will, tut es wer anderes wichtiger findet nicht.

Nun, die Delegationen gaukeln den Nutzern vor, dass Themen oder Themenbereiche dadurch irgendwie "versorgt" wären, und sie nichts mehr dort zu machen brauchen, weil es kümmert sich ja jemand drum. Ohne Delegationen wäre wohl die Motivation (man könnte auch sagen: der Druck) höher selbst Hirnschmalz in das Thema zu stecken (wieviel auch immer). Ich denke durchaus, dass die Delegationen die Anzahl an Personen, die sich mit den Themen beschäftigen, reduzieren und damit automatisch auch die Diversität runtergeht. Vor allem geht ja auch Zeit dabei flöten sich mit seinen Delegierten zu beschäftigen (wenn man das denn macht), die in der Themenarbeit besser investiert wäre.



Aber: Wenn
sich drei Leute mit einem Thema beschäftigen und zwei davon sind
Extrem-Piraten mit viel Freizeit und einer liegt im Prinzip auf der
Linie der meisten anderen Piraten, dann haben die Extrem-Piraten die
Mehrheit bei diesem Thema. Nimmt man jetzt Delegation hinzu ist der
Durchschnittspirat plötzlich keine Minderheit mehr.

Das setzt voraus, dass die Delegationen die Ansichten der Delegierenden akkurat abbilden. Das bezweifle ich doch sehr.

Das System ist auch viel zu komplex und undurchsichtig, um das wirklich leisten zu können. Die Transitivität der Delegationen, die Mischung aus 3 verschiedenen Delegationsarten, alle mal vergeben aus Sympathie, mal aus Experteneinschätzung, mal aus hat-ähnliche-Meinungen-Gründen (wobei diese Motivation die Transitivität natürlich nicht überlebt), die grobe Einteilung von Themenbereichen, die z.B. Verkehrsexperten zu Bestimmern über Umweltpolitik macht, etc., das _kann_ die Meinungen der Delegierenden gar nicht für die ganzen Themen akkurat in Delegationspower übersetzen. Keine Chance. Selbst wenn alle Piraten an Bord wären und jede Menge Zeit investieren würden, würde es immernoch nicht gehen. Es ist einfach zu komplex.



Das Statement "macht halt mit wer mit macht und wer nicht, der halt
nicht" trifft das Problem aus meiner Sicht genau: Je mehr Themen und
Details zu Diskussion stehen desto mehr spaltet sich die Piratengemeinde
in Einzelgruppen, die ihre jeweiligen Kernthemen verfolgen.

Truth hurts.

Mir ist das Problem, das mit Liquid Democracy gelöst werden soll, sehr wohl bewusst. Und ich halte das tatsächlich auch für ein Problem. Ich sehe nur nicht, wie Liquid Democracy es löst. Das tut sie vielleicht auf dem Reissbrett, aber in der Praxis nicht mal annähernd. Ich halte das eher für eine Art Verschlimmbesserung, mit deutlich mehr schlimm als besser. Einiges davon hat mit der Ausgestaltung von Liquid Feedback zu tun, so manches ist aber auch systemimmanent und kann mit keiner Software der Welt aus dem Weg geräumt werden, imho. Ich beschwer mich aber auch nicht, wenn mir jemand das Gegenteil beweist, nur gegen Pseudolösungen und Augenwischerei hab ich was. ;)



Nehmen wir
mal mich als Beispiel: Ich nutze LQFB regelmäßig und versuche mich an
allen Abstimmungen zu beteiligen. Ich tue dies aktuell anonym habe weder
Delegationen noch habe ich an jemanden Delegiert. Es ist ziemlich
Aufwendig nur bei den Quoren und den Abstimmungen immer dabei zu sein.
Tue ich dies aber nicht gehen entweder gute Ideen verloren oder mieser
undurchdachter teurer Mist findet plötzlich eine Mehrheit, weil nur noch
die mit dem größten Durchhaltevermögen da sind.

Willkommen in der Politik. ;)

Das ist leider so, ja. Deshalb haben wir ja auch in der Bundesrepublik eine repräsentative Demokratie. Die wurde ja nicht eingeführt, um uns alle zu ärgern. Und deshalb ist ja auch "Basisdemokratie" in allen anderen Parteien nicht so wahnsinnig hoch im Kurs.

Ich denke aber das direktdemokratische Elemente an den richtigen Stellen und richtig eingesetzt durchaus funktionieren können. Auf einer Online-Plattform jede Woche Positionierungen in zig komplexen Themen zu bestimmen gehört imho nicht dazu. Deshalb sollten wir das imho auch nicht machen, weder direkt noch liquid. Mir reicht das System als Arbeitsplattform und wenn wir es hinbekommen, dass es auf demokratische Art und Weise und wenigstens halbwegs repräsentativ funktioniert, kann ich mir auch vorstellen dort erhobene Umfragen zu Themen, die dringend auf den Nägeln brennen, heranzuziehen.


Das ist aktuell ja nicht so schlimm, da wie ich in einer privaten E-Mail
zurechtgewiesen wurde: LQFB ja aktuell nur ein "reiner Testlauf von
einer Softwareversion eines möglichen Meinungsbildungstools" ist.

Das ist so eine Art Gerücht.

Es gab in der Einführungsphase verschiedene Vorstellungen davon, was das System denn nun konkret sein soll. Dieses "ist ja nur ein Testlauf" wurde da von der ein oder anderen Stelle als Beruhigungspille in die Diskussion geworfen. Der damalige Vorstand hat sich davon auch ein bisschen einlullen lassen und bei seinem Beschluss zum Start des Systems auch davon geredet. Im Parteitagsbeschluss ist davon allerdings keine Rede.
Es gibt aber auch Leute, die bewerten die aktuelle Unverbindlichkeit des Systems als Testlauf für einen späteren verbindlichen Betrieb des Systems. Aber auch davon ist im Beschluss keine Rede.

Es ist jetzt halt einfach da, läuft, geht auch nicht mehr weg, hat aber keinen definierten Zweck oder definierte Folgen. Die Antragssteller hatten sich das wohl so gedacht, dass sich der Zweck des Systems im Betrieb dann automatisch ergibt, und schlussendlich die Ergebnisse der Umfragen im System ganz von alleine zur Politik der Piratenpartei werden. Diese "automatische" Entwicklung ist seit der Einführung des Systems zu einer Art epischen Auseinandersetzung verschiedenster Personen und Lager geworden, die das wahlweise pushen oder bremsen wollen. Ich schätze mal ich bin da auch nicht ganz unbeteiligt. ;)

Fieserweise geht die Art und der Umfang der Nutzung des Systems zwischen diesen Personen bzw. Lagern auch sehr weit auseinander. Vereinfacht gesagt führt das dazu, dass tendenziell diejenigen, die eine Verbindlichkeit des Systems haben wollen, das System fest in ihrer Hand haben. Ich möchte da ausdrücklich keine umgekehrte Kausalität unterstellen, aber es ist halt leider zur Zeit so, was die Debatte darum nicht gerade einfacher macht. ^^



Ich stelle mir aber vor: Was wäre wenn es ein solches System für ganz
Deutschland und alle Bundesbürger gäbe - findest du dann könnten wir
immer noch auf Delegation verzichten ? Politik nur von denen mit viel
Freizeit ? Nein Danke.

Dann wären wir meiner Meinung nach sowohl ohne als auch mit Delegationen am Arsch. ;)
Aber deshalb macht man sowas grob unvernünftiges ja auch nicht. :P



Ich habe allerdings keine Ahnung wie groß die Einzelnen Gruppe wirklich sind:

Es gibt auf http://demokratiepiraten.blogspot.com/ einiges an Umfragedaten. Grobe Richtungen kann man daraus ablesen, aber wie sich die Nutzung des Systems bei der einen oder der anderen Änderung verändern würde, bleibt wohl trotzdem Kaffeesatzlesen. Da hilft nur ausprobieren, was ja zumindest beim Interface und beim 6-monatigen Delegationsverfall auch irgendwann passieren soll.



Ich hoffe wir stimmen darin überein, das ab einem bestimmten Punkt auch
bei beliebig viel Lust 24h pro Tag nicht reichen um bei allen Themen
dabei zu sein oder ?
Insbesondere wenn jeder (was ich sehr gut finde), das Recht hat neue
Themen aufzubringen. Wie schon oben gesagt: ohne Delegation gehen meiner
Ansicht nach die Leute mit Sachverstand in den vielen Leuten mit zu viel
Freizeit unter. Dann verkommt das ganze zu einer Wünsch-Dir-Was
Veranstaltung. Davon geht die Welt nicht unter aber voran bringt uns das
auch nicht.

Wie gesagt, neue Dinge _bestimmen_ würde ich auf diese Weise sowieso nicht. Demokratie ist an vielen Stellen absichtlich langsam. Wir sollten uns da nicht unter Druck setzen lassen und uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um Qualität abzuliefern.

Und ich glaube auch nicht wirklich daran, dass sich Delegationen bei Sachverstand ansammeln, zumindest nicht ausreichend präzise. Die letzten knapp 1,5 Jahre Bundesliquid sehen imho nicht wirklich danach aus.
Und mal abgesehen davon, hatten wir es weiter oben auch noch davon, dass die Meinungen der Delegierenden sich in den Delegationen abbilden sollen. Hier soll sich jetzt der Sachverstand in den Delegationen abbilden. Das widerspricht sich.



Wenn man es ordentlich macht und die Grundgesamtheit auch tatsächlich
den Interessierten entspricht, dann hat jeder eine faire Chance die
10% zu überspringen.
Ok, ich bin interessiert und erneuere brav einmal im Monat mein
Interesse. Stimme aber nie ab, weil ich keine Zeit habe (und Delegieren
darf ich ja nicht mehr).
Wo ist dann dein einzelner Pirat?

Dem hast du's dann richtig gegeben. ;)

Solange das keine großen Mengen so machen, wird das kein Problem sein. Und wenn es doch zu einem wird, kann man immernoch an den 10% schrauben. Das ist schließlich auch nur ein völlig willkürlich gewählter Wert.

Momentan ist dafür einfach der Druck nicht da, denn es kommen ja Themen über die Quoren. Dass das aber tendenziell die Themen sind, die von einer sehr kleinen Gruppe als würdig empfunden wurden, fällt nicht so sehr auf.

Wäre das Quorum einfach generell zu hoch, weil sich viele Leute so verhalten, wie du es beschrieben hast, käme ja nichts mehr drüber und man wüsste, dass man die 10% anpassen muss.



In diesem Punkt gebe ich Dir vollkommen Recht. Und um noch eins drauf
zusetzen: Wer die Anonymität des System wirklich nutzen will, ist sowie
raus: Der kann weder Delegationen auf sich ziehen noch Werbung für seine
eigenen Themen machen ohne die Anonymität zu verlieren. Das sind für
mich aber Probleme der aktuellen Implementierung und meiner Ansicht nach
zu beheben.

Richtig. Das ist generell ein Problem zum Thema "man kann das System auch pseudonym voll nutzen". Kann man nämlich schlicht und ergreifend nicht.

Es gibt dazu die Idee der 2-Account-Lösung. Damit könnte man einen stimmberechtigten Account pseudonym Nutzen und einen stimmrechtslosen, um Initiativen oder Anregungen zu schreiben und diese offen zu bewerben. Das halte ich eh unabhängig von den Delegationen für sinnvoll und wichtig, aber meines Wissens gibt es keine Bestrebungen der Entwickler sowas umzusetzen.



Warum können wir aufgrund dieser Erfahrungen aber nicht über ein
verbessertes System nachdenken, welches diese Kinderkrankheiten nicht hat ?

Tun wir doch. :)

Und mein Lösungsvorschlag besticht durch enorme Effektivität und Effizienz. \o/



Nein ich würde NICHT jede Abstimmung kontrollieren. Ich würde mir am
Monatsende die E-Mail in der die von mir delegierten Abstimmungen
drinstehen durchsehen und in einigen Fällen stichprobenartig überprüfen.
Insbesondere würde ich auch das Verhalten des Delegierten außerhalb der
Abstimmungsplattform in meine Bewertung mit einfließen lassen. Oder
auch: ob mein Delegierter regelmäßig bei Abstimmungen dabei war.

Das machen momentan nach meiner Einschätzung nur ein paar Power-User so. Wieviele mehr werden das dann mit so einer automatischen E-Mail? 50% mehr? Doppelt so viele? Zehnmal so viele? Keine Ahnung, aber von mir aus kann man es gerne ausprobieren. Ich bezweifle allerdings, dass es "genug" wären. Das fiese ist auch, dass wir uns so langsam vom aktuellen "totale Grütze"-Bereich zum "so soll's sein"-Bereich hinbewegen. Das heißt wir werden irgendwann mal (wenn wir genügend verbessernde Maßnahmen, wie regelmäßige E-Mails, übersichtliches Interface, etc. eingeführt haben) den Grütze-Bereich verlassen und in so einen halbgrützigen Bereich eintreten. Und dann werden wir uns für immer kabbeln, ob das jetzt demokratisch genug abläuft, oder immernoch zu grützig ist. Irgendwann wird sich dann vielleicht "ist jetzt gut genug" durchsetzen, weil man's besser eh nicht hinbekommt, aber ohne dann wirklich bei "so soll's sein" angelangt zu sein. Davor graust's mir jetzt schon. ;)



Ok, hier haben wir nochmal eine Anforderung: Wenn jemand die im
verliehen Delegation nicht regelmäßig nutzt werden diese automatisch
inaktiviert. Da müsste man nur festlegen, ab welcher Menge von
Delegationen so ein Mechanismus greifen soll. Vielleicht als
Defaultvoreinstellung bei jedem der Delegiert ?

Wieso "nochmal"? Bisher haben wir darüber geredet, was passiert, wenn der _Delegierende_ inaktiv ist. Du sprichst jetzt aber von Delegationsverfall, wenn der _Delegierte_ inaktiv ist. Aber ob eine Delegation jetzt ungenutzt verfällt, oder vom System gestrichen wird, ist doch auch irgendwie Jucke wie Hucke, oder nicht?



Aktuelle habe ich aber eher das Problem, daß außer Dir und ein paar
anderen Kritikern kaum jemand mir mir über das Thema reden will. Ich
bekomme langsam leider das Gefühl, das da eine Menge in irgendwelchen
Hinterzimmern läuft, von denen ich noch nichts weis.

Das würde ich so nicht sagen.

Ich weiß ja nicht wie lange du schon dabei bist, bei der Gaudi hier, aber zu diesem Thema wurde schon Unmengen an Porzellan zerschlagen. Mein Eindruck ist eher, dass die meisten keinen Bock mehr haben ihre ganze Zeit und Energie in dieser Auseinandersetzung zu versenken. Das war einfach alles über einen längeren Zeitraum zu intensiv, zu ergebnislos, zu frustrierend und dann irgendwann auch zu persönlich und unsachlich.
Die Sachen laufen jetzt nicht wirklich in Hinterzimmern ab, aber halt kaum irgendwie lagerübergreifend, weil die meisten halt die Erfahrung gemacht haben, dass da nur Frust dabei rauskommt.

Man könnte fast von einer Art Waffenstillstand sprechen. ;)
Oder vielleicht von einem Nebeneinander-her-konkurrieren. o_0

Allerdings bleibt das Grundproblem weiter bestehen. Vor allem jedes Mal wenn die Vorstände oder sonstwer irgendwas machen wollen/sollen, zu dem es eine LQFB-Abstimmung gibt, knallen die unterschiedlichen Vorstellungen wieder aufeinander. Das wird auf dem nächsten BPT bestimmt auch wieder für Stimmung sorgen und wenn wir in den Bundestag einziehen, wird es erst so richtig lustig. ^^

Gut ist dieser Zustand allerings nicht. :/




Archiv bereitgestellt durch MHonArc 2.6.19.

Seitenanfang