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ag-liquid-democracy - Re: [AG Liquid Democracy] Wir brauchen Delegation: Eine Antwort auf StreetDogg

ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Liquid Democracy in der Piratenpartei

Listenarchiv

Re: [AG Liquid Democracy] Wir brauchen Delegation: Eine Antwort auf StreetDogg


Chronologisch Thread 
  • From: Semon <semon3496 AT arcor.de>
  • To: Liquid Democracy in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy AT lists.piratenpartei.de>, StreetDogg <streetdogg AT gmx.net>
  • Subject: Re: [AG Liquid Democracy] Wir brauchen Delegation: Eine Antwort auf StreetDogg
  • Date: Sun, 29 Jan 2012 17:39:23 +0100
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-liquid-democracy>
  • List-id: Liquid Democracy in der Piratenpartei <ag-liquid-democracy.lists.piratenpartei.de>

Sorry hat etwas gedauert.
Ich hatte einen Vortrag auf der OOP und außerdem bin ich aktuell nicht so fit - Hust, Hust.

Am 19.01.2012 20:26, schrieb StreetDogg:
Am 19.01.2012 14:10, schrieb Semon:
Am 18.01.2012 22:41, schrieb StreetDogg:
Am 18.01.2012 21:16, schrieb Semon:
Ich glaube nicht daran, dass Basisdemokratie wirklich funktioniert. Wenn
in der Piratenpartei über alle Fragen alle direkt Abstimmen würden, wäre
das Ergebnis: Es beteiligen sich nur 10% oder weniger ständig

Wie definierst du denn "beteiligen" und wie werden das durch
Delegationen mehr?

Beteiligen definiere ich so: Wie viel meiner Lebenszeit verwende ich
darauf mich an Abstimmungen zu beteiligen.

Also die aufsummierte Gesamtlebenszeit, die in die Abstimmungen einfließt, reduziert sich durch Delegationen sogar allerhöchstwahrscheinlich. Die Delegierenden delegieren ja üblicherweise, um ihre investierte Lebenszeit reduzieren zu können. Für die Delegierten ändert sich im Grunde nichts. Wenn die eine Stunde in die Bewertung einer Initiative stecken, werden da ja nicht plötzlich 2 Stunden draus, nur weil seine Stimme für 2 zählt. Außerdem reduziert sich diesen Versuch der Spezialisierung auch die Diversität derjenigen, die sich mit der Sache beschäftigen, was der Qualität nicht zwangsweise gut tut.

Diese beiden Sache gehören für mich zu den vielen guten Gründen auf Delegationen zu verzichten. Diese verringern und homogenisieren den Hirnschmalz, der in die inhaltliche Arbeit fließt.
Zunächsteinmal, wenn sich 60 Leute drei Minuten mit einem Thema beschäftigen oder drei Leute jeweils 60 Minuten, so würde ich immer darauf Tippen das bei den drei Leuten eine sinnvollere Entscheidung herauskommt. Ich sehe auch nicht wieso Delegation die Diversität derjenigen reduziert, die sich mit dem Thema beschäftigen. Meiner Ansicht nach ändert sich daran garnichts: Wer sich mit dem Thema beschäftigen will, tut es wer anderes wichtiger findet nicht. Aber: Wenn sich drei Leute mit einem Thema beschäftigen und zwei davon sind Extrem-Piraten mit viel Freizeit und einer liegt im Prinzip auf der Linie der meisten anderen Piraten, dann haben die Extrem-Piraten die Mehrheit bei diesem Thema. Nimmt man jetzt Delegation hinzu ist der Durchschnittspirat plötzlich keine Minderheit mehr.

Meinst du
wirklich ein Abstimmungssystem für 20.000 Leute und mehr würde
funktionieren, ohne das wir ein Verfahren zu Delegation haben.

Klar, warum nicht? Technisch ist das gar kein Problem. Und organisatorisch macht halt mit wer mit macht und wer nicht, der halt nicht. Es ist ja jetzt nun auch nicht so, dass in LQFB mit Delegationen momentan 20.000 Leute am Start wären.

Das Statement "macht halt mit wer mit macht und wer nicht, der halt nicht" trifft das Problem aus meiner Sicht genau: Je mehr Themen und Details zu Diskussion stehen desto mehr spaltet sich die Piratengemeinde in Einzelgruppen, die ihre jeweiligen Kernthemen verfolgen. Nehmen wir mal mich als Beispiel: Ich nutze LQFB regelmäßig und versuche mich an allen Abstimmungen zu beteiligen. Ich tue dies aktuell anonym habe weder Delegationen noch habe ich an jemanden Delegiert. Es ist ziemlich Aufwendig nur bei den Quoren und den Abstimmungen immer dabei zu sein. Tue ich dies aber nicht gehen entweder gute Ideen verloren oder mieser undurchdachter teurer Mist findet plötzlich eine Mehrheit, weil nur noch die mit dem größten Durchhaltevermögen da sind.

Das ist aktuell ja nicht so schlimm, da wie ich in einer privaten E-Mail zurechtgewiesen wurde: LQFB ja aktuell nur ein "reiner Testlauf von einer Softwareversion eines möglichen Meinungsbildungstools" ist. Ich stelle mir aber vor: Was wäre wenn es ein solches System für ganz Deutschland und alle Bundesbürger gäbe - findest du dann könnten wir immer noch auf Delegation verzichten ? Politik nur von denen mit viel Freizeit ? Nein Danke.

Das bei LQFB nicht 20.000 Leute dabei sind ist meiner Ansicht nach das Grundproblem. Vieles was du an der aktuelle Delegation zu recht kritisierst wäre dann meiner Ansicht nach entschärft. Aber neben den, die LQFB aufgrund der Speicherfristen oder der fehlenden geheimen Abstimmung ablehnen, gibt es wohl auch sehr viele die aufgrund des miesen Interfaces - sorry Leute aber so ist es ! - aufgegeben haben. Ich habe allerdings keine Ahnung wie groß die Einzelnen Gruppe wirklich sind:

deiner Meinung nach das Ergebnis? Wie viel Zeit müsste jeder Pirat pro
Tag aufwenden um in einem System in dem jeder jeden beliebigen Antrag
stellen darf noch den Durchblick zu behalten?

So viel wie jeder will und kann.

Wenn ich zu irgendwelchen Themen keine Meinung habe und auch keine Zeit/Lust mir eine zu bilden, dann kann ich immernoch jemanden fragen, der sich mit sowas auskennt, oder halt einfach die Finger von der Abstimmung lassen. Dadurch geht die Welt nicht unter.

Ich hoffe wir stimmen darin überein, das ab einem bestimmten Punkt auch bei beliebig viel Lust 24h pro Tag nicht reichen um bei allen Themen dabei zu sein oder ?
Insbesondere wenn jeder (was ich sehr gut finde), das Recht hat neue Themen aufzubringen. Wie schon oben gesagt: ohne Delegation gehen meiner Ansicht nach die Leute mit Sachverstand in den vielen Leuten mit zu viel Freizeit unter. Dann verkommt das ganze zu einer Wünsch-Dir-Was Veranstaltung. Davon geht die Welt nicht unter aber voran bringt uns das auch nicht.

Nehmen wir mal an alle Piraten hätten sich in dieser Plattform
angemeldet und ihr Interesse für alle Themen bekundet. Welche Chancen
hätte ein Antrag von jemandem der nicht in der Partei vernetzt ist, das
Quorum zu schaffen. Wie filtert man dann unter dem ganzen unausgegorenen
Ideen die guten Vorschläge raus ? Zwei Stunden lesen jeden Abend ?

Bessere Chancen als momentan.

Dass die Grundgesamtheit nicht die Gruppe der interessierten Leute darstellt, ist momentan genauso ein Problem, wie es das ohne Delegationen wäre. Themenbereichsmitgliedschaften sollten in beiden Fällen erneuert werden müssen. Sonst sind die Quoren nach einer gewissen Zeit immer zu hoch, da die "Karteileichen" es hochtreiben, aber nichts mehr zu ihrer Überwindung beitragen.
Sehr guter Punkt: Werde ich in die Anforderungen aufnehmen.

Wenn man es ordentlich macht und die Grundgesamtheit auch tatsächlich den Interessierten entspricht, dann hat jeder eine faire Chance die 10% zu überspringen.
Ok, ich bin interessiert und erneuere brav einmal im Monat mein Interesse. Stimme aber nie ab, weil ich keine Zeit habe (und Delegieren darf ich ja nicht mehr).
Wo ist dann dein einzelner Pirat?

Momentan gibt es für solche schlecht vernetzten Leute bzw. für Außenseiterthemen genau eine Möglichkeit über das Quorum zu kommen: Mindenstens einer von nichtmal einem halben Dutzend Leute pro Themenbereich muss die Güte besitzen die Initiative zuzulassen. Dadurch werden irgendwelche Leute durch kaum durchschaubare Mechanismen zu quasi-Moderatoren, die nach Lust und Laune und weitestgehend unkontrolliert entscheiden, was überhaupt zur Abstimmung kommt und was nicht, und zwar nach den Kriterien auf die sie selbst Bock haben. Das System stellt noch nichtmal dar, wer das ist und lustigerweise verbieten die Nutzungsbedingungen sogar diese öffentlich beim Namen zu nennen, wenn man sie dann noch irgendwie rausgefunden hat.

In diesem Punkt gebe ich Dir vollkommen Recht. Und um noch eins drauf zusetzen: Wer die Anonymität des System wirklich nutzen will, ist sowie raus: Der kann weder Delegationen auf sich ziehen noch Werbung für seine eigenen Themen machen ohne die Anonymität zu verlieren. Das sind für mich aber Probleme der aktuellen Implementierung und meiner Ansicht nach zu beheben.

Das ist für mich überhaupt _der_ Grund Nummer 1, die Delegationen abzuschaffen. Noch mehr als die unbrauchbaren Abstimmungsergebnisse. Aktuell hat eine sehr kleine Gruppe weitestgehend die Macht über das Agenda-Setting zu bestimmen. Lediglich "Mainstream"-Geschichten oder herausragend gute Vorlagen haben überhaupt die Möglichkeit ohne deren Gnade auszukommen, wobei die diese Möglichkeit meistens gar nicht brauchen. Diese kleine Gruppe selbst kann alles in die Abstimmung jagen, was sie will. Zu allem Überfluss ist diese Gruppe auch noch nicht besonders stark gestreut. Sie speißt sich im Wesentlichen aus den Hardcore-LQFB-Fans, die quasi den ganzen Laden unter sich ausmachen.

Da du diesbezüglich mehr Daten hast glaube ich Dir das einfach so :-), Warum können wir aufgrund dieser Erfahrungen aber nicht über ein verbessertes System nachdenken, welches diese Kinderkrankheiten nicht hat ?

*Ein Beispiel: *
Ich persönlich hätte gern einen Delegierten, dem ich nur mein "Thema
interessiert mich"-Recht übertragen könnte. Dieser Delegierte würde für
mich (und 1000 andere Piraten), die genauso denken alle Themen
unterstützen (nur unterstützen nicht abstimmen), die

* Vorher gut ausgearbeitet und diskutiert wurden (belegt durch
entsprechende Links)
* Aussagen zu den Kosten und Nebenwirkungen des Vorschlags machen
* Eine ausführliche Link-Sammlung mit Belegen zu allen Aussagen im
Text haben.

Ein solcher Delegierter hätte enormen Einfluss darauf welche Themen
überhaupt zu Abstimmung kommen. Das wiederum würde meiner Ansicht nach
die Qualität der Anträge sehr verbessern.

ABER: Wenn ich feststellen würde, dass mein Delegierter früher in der
NPD war oder irgendwelche guten Anträge aus persönlichen Gründen blockt.
ZACK - weg ist die Delegation.

Du willst also feststellen aus welchen Gründen deine Delegierten Initiativen unterstützen oder nicht unterstützen? Und das kontrollierst du für jede Initiative? Und jeder andere macht das auch?

Das halte ich für Wunschdenken.

Das widerspricht sich auch mit dem Gedanken, dass die Leute aus Zeitmangel delegieren. Denn in diesem Fall müssen sie Zeit in die Kontrolle ihrer Delegierten investieren, die sie nicht haben (denn deshalb haben sie überhaupt erst Delegierte).
Nein ich würde NICHT jede Abstimmung kontrollieren. Ich würde mir am Monatsende die E-Mail in der die von mir delegierten Abstimmungen drinstehen durchsehen und in einigen Fällen stichprobenartig überprüfen. Insbesondere würde ich auch das Verhalten des Delegierten außerhalb der Abstimmungsplattform in meine Bewertung mit einfließen lassen. Oder auch: ob mein Delegierter regelmäßig bei Abstimmungen dabei war.

Die Praxis sieht momentan so aus, dass rund die Hälfte der Delegationen ungenutzt verfallen und kein Schwein darauf überhaupt reagiert (sprich an aktivere Leute umdelegiert). Und es wird auch nur deshalb die Hälfte genutzt, weil in einige Fällen die Delegierten so weit weiterdelegieren bis irgendwann in der Kette mal einer auftaucht, der dann (für alle) abstimmt. Insgesamt stimmt nur ein Bruchteil der Delegierten tatsächlich ab.

Da generell nochmal deutlich weniger Leute unterstützen als abstimmen, sieht es da sogar noch übler aus.
Ok, hier haben wir nochmal eine Anforderung: Wenn jemand die im verliehen Delegation nicht regelmäßig nutzt werden diese automatisch inaktiviert. Da müsste man nur festlegen, ab welcher Menge von Delegationen so ein Mechanismus greifen soll. Vielleicht als Defaultvoreinstellung bei jedem der Delegiert ?

Die Moral von der Geschichte ist halt:
Diese ganze Delegiererei funktioniert nur dann, wenn die Delegierenden statt Zeit in die Initiativen zu stecken Zeit in ihre Delegierten stecken. Dazu sind sie aber nicht gezwungen. Und da das im Großen und Ganzen der häufigstens Motivation überhaupt zu delegieren vollkommen widerspricht, passiert das auch nicht besonders oft.
(Unpraktischerweise verteidigen die Delegationen mir gegenüber meistens genau die Leute, die ihre Delegationen sehr wohl auch mal überprüfen. Das macht diese Diskussionen oft etwas nervig, da viele davon nicht so wirklich realisieren wollen, dass sie sehr unrepräsentative LQFB-Nutzer sind.)

Wenn jemand keine Zeit in eine Initiative investiert und dann eben nicht mit abstimmt, reduziert sich die Anzahl der Abstimmenden, aber sonst passiert nicht viel.
Wenn jemand keine Zeit in seine Delegationen investiert, wirken diese aber trotzdem unkontrolliert weiter und es entstehen all die vielen Probleme, die man momentan im Bundesliquid beobachten kann.
Ich stimme die absolut zu, das die aktuelle Lösung nicht gut funktioniert.
Ich meine das man mit dem richtigen Tool, welches einen mit Informationen über die erteilten Delegationen versorgt und die Delegationen der Fire-and-Forget User regelmäßig löscht durchaus weiter an diesem Konzept arbeiten könnte. Ich würde mir wünschen, wir hätten möglichst bald ein solches Tool und du würdest dann ein Jahr späte nochmal so eine prima Analyse vornehmen wie in "The tale of Liquid Feedback".

Aktuelle habe ich aber eher das Problem, daß außer Dir und ein paar anderen Kritikern kaum jemand mir mir über das Thema reden will. Ich bekomme langsam leider das Gefühl, das da eine Menge in irgendwelchen Hinterzimmern läuft, von denen ich noch nichts weis.

Gruß
Semon






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