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nrw-ak-drogen - Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag

nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Nrw-ak-drogen mailing list

Listenarchiv

Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag


Chronologisch Thread 
  • From: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>
  • To: nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag
  • Date: Fri, 05 Feb 2010 18:19:00 +0100
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/nrw-ak-drogen>
  • List-id: <nrw-ak-drogen.lists.piratenpartei.de>

nrw-ak-drogen-request AT lists.piratenpartei.de schrieb:

------------------------------

Message: 2
Date: Fri, 5 Feb 2010 16:42:27 +0000 (GMT)
From: Spiff Pirat <spiffpp AT yahoo.de>
Subject: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag
To: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>, AK Drogen
<nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de>

Hallo Daniel,

ich habe jetzt alle Deine Ausführungen gelesen und jetzt habe ich den
Eindruck, daß Du zu nah am Thema ADHS dran bist, als das Du da wirklich
objektiv urteilen kannst. Tut mir echt Leid, aber ich habe mitbekommen, wie
leichtfertig mit solchen Diagnosen und Medikamenten umgegangen wird und es
gibt viele Möglichkeiten, ADHS begleitend zu unterstützen. Und ich bleibe bei
meiner Meinung: Medikamente nur in Verbindung mit Therapie und nur dann wenn
weniger invasive Alternativen aufgebraucht sind.
Übrigens, die persönlichkeitsverändernden Nebenwirkungen bishin zu
Depressionen werden im Beipackzettel erwähnt. Wenn schon die Hersteller diese
Dinge erwähnen, dann stehen sie alles andere als auf wackeligen Füßen.


Hallo Spiff,

ganz richtig, ich bin nah am Thema ADHS dran. Falls das ein Fehler ist. Ich gebe mir Mühe, objektiv zu sein, kann es aber natürlich nicht verhindern, auch emotional betroffen zu sein. Ich bin auch kein Arzt oder Chemiker. Ich hoffe, dass Ihr dennoch davon profitieren könnt.

Ich bin zugegebenermaßen sehr empfindlich, wenn ich zweifelhafte oder unbelegte Aussagen lese. Daher habe ich mir Mühe gegeben, den Abschnitt so zu gestalten, dass die daraus gezogenen Folgen noch erhalten bleiben, ohne dass diese Aussagen noch enthalten sind. Ich dachte, wir kommen auf diesem Wege zu einem Konsens.

Ich habe mich bemüht, alle meine Argumente zu begründen, und eine inhaltliche Auseinandersetzung damit wäre mir wichtig, die fehlt mir noch.

Ich bleibe auch dabei:
- Es muss eine sorgfältig gestellte Diagnose geben.
-
Ärzte, die mit diesem Medikament umgehen, müssen darin erfahren sein
(Keine Verschreibungen durch Hausärzte, Kinderärzte ohne entsprechenden
Hintergrund).
- Das Medikament muss unbedingt von einer Therapie
begleitet werden (multimodales Konzept). Mit einer "Pille" alleine ist
es nicht getan.
- Patienten müssen kontinuierlich medizinisch überwacht
werden (was wohl leider nicht immer geschieht).
- Zulassung von MPH
für erkrankte Erwachsene, denn Off-Label-Verschreibungen an der
Krankenkasse vorbei sorgen für Nachschub auf Schwarzmärkten.

Das sind sicherlich sinnvolle Ideen, aber über ihre Umsetzung schreibst Du
nix. Du kannst nicht einfach dem Patient mehr Arbeit aufhalsen, damit ist der
nämlich noch mehr überfordert, als er es jetzt schon ist. Du kannst auch
nicht einfach daher gehen und den Hausärzten verbieten, einen Haufen von
Medikamenten zu verschreiben, ohne zu klären, wo die Patienten dann ihre
Medikamente herbekommen. Begleitung mit Therapie fördern ist auch schön und
gut, aber wie soll das in der Praxis umgesetzt werden und wer soll die ganzen
Therapieplätze bezahlen? Und woher nimmt man die Therapeuten? Die
durchschnittlichen Wartezeiten für einen Therapieplatz in meiner Umgebung
sind mindestens 3 Monate. Was bedeutet medizinische Überwachung konkret?
Blutbild? Gespräch? Und die Sache mit den Off-Label-Verschreibungen ist auch
so eine Sache, sehr schwieriges Thema, weil natürlich totaler Murks,
andererseits im Moment für die Ärzte notwendig.


Nein, es soll nicht dem Patienten aufgehalst werden. Mit dem Argument der Kosten kann man alles ablehnen - entweder will man etwas verbessern, und den Missbrauch verhindern, oder nicht. Umsonst wird man das nicht bekommen.

Therapieplätze müssen ggf. geschaffen werden, soweit das nicht ambulant möglich ist (meist sollte das reichen). Und die Weiterbildung der Ärzte in dieser Richtung muss gefördert werden.

Medizinische Nachsorge sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Es liegt in der Hand des Arztes, die Rezepte nicht einfach immer weiter auszustellen, sondern von Zeit zu Zeit mal ein Blutbild anzufertigen, die Leberwerte zu bestimmen, Kreislauf zu checken und das Gewicht. Das stellt m.E. kein Problem dar.

Im wesentlichen rede ich hier doch schon vom Umsetzung, denn genau das sind meiner Meinung nach die Schritte, die ergriffen werden sollen, um den Missbrauch einzudämmen.

Ich bin überrascht, dass man mir zu wenig Konzepte zur Umsetzung vorwirft. Ich kann im bisherigen Kapitel 7.6. nicht ein einziges Konzept mehr erkennen. Daher ist mir Euer Problem damit nicht ganz klar. Das einzige, was das Kapitel wirklich mehr enthält, sind Aussagen und Beschreibungen.

In der gesamten Psychiatrieszene läuft sehr vieles schief. Dadurch, daß
unsere bisherigen Programmpunkte sehr punktuell waren, konnten wir uns da ein
bißchen aus der Verantwortung stehlen, umfassende Ansätze entwerfen zu
müssen. Und das ist das Hauptproblem, was ich mit Deinem Vorschlag habe. Er
deckt sehr viele Bereiche ab ohne ihnen gerecht zu werden. Mal abgesehen
davon, daß solche Dinge auch Fragen der Drogen- UND Gesundheitspolitik sind
und wir uns deshalb mit dem AK Gesundheit kurzschließen müßten, was zeitlich
sehr eng wird, bin ich der Auffassung, wenn wir uns mit dem Monster der
Psychiatrie auseinander setzen wollen, dann in umfassendem Maße und mit dem
nötigen Tiefgang.


Ganz richtig. Aber dem Thema Psychatrie habe ich mich auch nicht angenommen, da habe ich auch keine Ahnung von. Mir ging es einzig um den Missbrauch dieser Medikamente, und den Maßnahmen, das zu verhindern.

Also mumblen wäre echt mal angebracht, wir haben zu Anfang der AK Gründung
auch einige grundlegende Dinge festgelegt und ich denke das läßt sich in
einem Gespräch besser vermitteln als schriftlich und außerdem hab ich auch
nur sehr begrenzte Zeit gerade.


Schon richtig, aber wie gesagt habe ich am Montag abend schon eine andere Konferenz. Wann findet Eure statt?

Was meine Zeit angeht: Auch die ist begrenzt. Ich habe mir hier sehr viel Zeit genommen, darauf einzugehen, immerhin hast Du auch danach gefragt. Wir können es ansonsten auch lassen, wenn ihr meint, und ihr beschließt, was ihr wollt. Ich kann jedenfalls so wie es im Moment ist nicht dahinterstehen, was ich sehr schade finde.

Bis später,
Spiff

Sag Bescheid, wie das mit Mumble ist,

Viele Grüße

Daniel


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----- Ursprüngliche Mail ----
Von: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>
An: nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de
Gesendet: Donnerstag, den 4. Februar 2010, 23:27:36 Uhr
Betreff: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7..6, Vorschlag

Hallo Spiff,

meine Anmerkungen habe ich unter Deine geschrieben.

-----------------------
Message: 4
Date: Thu, 4 Feb 2010 19:54:51 +0000 (GMT)
From: Spiff Pirat <spiffpp AT yahoo.de>
Subject: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag

Ich habe jetzt noch mal alles gelesen und drüber nachgedacht und nehme alle vorherigen
Meinungsäußerungen zurück. Stattdessen wäre ich dafür Andis Vorschlag beizubehalten in
der jetzigen Form und vielleicht die Überschrift auszutauschen gegen "Mißbrauch
von Psychopharmaka zur Leistungssteigerung".
Nach dem ich Daniels Vorschlag noch mal gelesen habe, komme ich zu dem Schluß, daß
das ein guter Blogeintrag wäre, aber nicht in ein Wahlporgramm gehört, damit meine
ich Sätze wie: "Die Piraten bedauern, dass scheinbar immer mehr Menschen zu
chemischen
Mitteln greifen, um den steigenden Anforderungen aus Schule,
Ausbildung, Studium und Beruf gerecht zu werden. Wir würden uns
wünschen, in einer menschlichen Welt zu leben, in der die
Anforderungen den Möglichkeiten der Menschen Rechnung tragen, ohne
dass Doping erforderlich wird.".

Klar ist das nicht konkret. Aber das kann man doch kaum konkret fordern,
oder? Wenn es Euch stört, lasst es weg.

Davon ab werden in Daniels Entwurf direkt ein Haufen von Themen
angeschnitten, dafür geht der Vorschlag aber einfach nicht genug in die Tiefe.


Das tat der alte auch nicht. Die vorgeschlagenen Maßnahmen entsprechen genau
denen des alten Vorschlages. Lediglich die beschriebenen Aussagen gehen
weiter in die Tiefe, sind aber größtenteils falsch, vermischen verschiedene
Aspekte, und beleuchten meiner Meinung nach nicht die Probleme. Siehe weiter
unten.

Der Missbrauch von Medikamenten birgt erhebliche gesundheitliche
Risiken bis hin zu schwerer Abhängigkeit. Die Grenzen zur Sucht mit
allen bekannten Folgen sind fließend.
Hier mäßte man schon differenzieren, was Sucht mit allen bekannten Folgen
genau heißen soll.


Das ist eben gar nicht so einfach. Schwere Folgen von Missbrauch sind z.B.
die bekannte Talkum-Embolie, Nierenversagen, Halluzinationen oder
Herz-Kreislaufprobleme, wobei das dann sehr abhängig von der jeweiligen
Substanz ist. Wenn ihr wollt, können wir dort einige dieser Folgen aufzählen.

Es muss verstärkt Aufklärung über diese Medikamente bei den Zielgruppen
erfolgen,
Wer ist denn da jetzt gemeint? Ursprüngliche Zielgruppe wären Patienten, die
benötigen aber keine Suchtaufklärung und man sollte ihnen vielleicht auch
nicht unbedingt erzählen, wieviel sie für ihr Ritalin auf dem Schwarzmarkt
bekommen könnten. Wer wären die Zielgruppen für Präventionsarbeit? Studenten?
Mütter? Manager? Sportler? Das ist dann ja schon fast die ganze Gesellschaft.


Da hast Du natürlich recht.. Ich meine die Gruppen, die für Missbrauch
anfällig sind. Das sind gerade Schüler, Studenten und Personen in besonders
leistungsfordernden Berufen. Selbstverständlich nicht die Zielgruppen des
normalen Gebrauchs.

Darüber hinaus sollen die Quellen der Mittel aufgedeckt und womöglich
ausgetrocknet werden. Eine mögliche Quelle sind Verschreibungen ohne
ausreichende ärztliche Diagnose und gesundheitlicher Kontrolle.
Und was schlägstDu als Gegenmaßnahme vor? Wir können nicht einfach fordern,
daß immer ein Facharzt mit eingeschaltet wird, ohne uns vorher mal zu
erkundigen, ob das praktisch überhaupt umsetzbar ist.

Was ich fordere, steht eben genau im Absatz danach:

Daher fordern die NRW-Piraten, das bei verschreibungspflichtigen
Medikamenten, die dieses Missbrauchspotential der Leistungssteigerung
bieten, eine sorgfältig gestellte Diagnose durch im Umgang mit dem
verschriebenen Medikament erfahrene Ärzte erfolgen soll.
Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Diagnose als sorgfältig gilt?


Ich kenne das nicht für jede Krankheit, aber beispielsweise für AD(H)S
existieren zwei Kriterienkataloge, der sogenannte ICD 10, bzw. der DSM IV.
Diese müssen sorgfältig abgearbeitet und überprüft werden, und daraus wird
ein bestimmte Quote ermittelt, aus der man dann auf das Vorhandensein von
AD(H)S schließen kann. Fakt ist aber, das oft Kinder- oder Hausärzte solche
Mittel verschreiben, ohne wirklich Ahnung davon zu haben und ohne diese
Kriterien zu überprüfen. Was andere Krankheiten angeht, können Ärzte
sicherlich besser überblicken als ich, welche Diagnosemöglichkeiten es gibt,
die unbedingt erfolgen sollten.

Ich finde aber, dass diese Angaben in einem Wahlprogramm zu weit gehen.

Medikamentengaben sollten möglichst von einer Therapie begleitet
werden ("Multimodales Konzept"), und die Gesundheit der Patienten muss
kontinuierlich überwacht werden.
Überwachung kommt bei den Piraten nie so gut an, in welcher Form soll diese
Überwachung laufen?


Gesundheitliche Überwachung ist gemeint - also z.B. die regelmäßige Kontrolle
des Blutbildes, mit Leberwerten und dem ganzen PiPaPo, der Gewichts- und
Größenkontrolle, Blutdruck und sonstiger Vitalwerte. Kann sein, dass man bei
Überwachung zu schnell auf George Orwell kommt, nennen wir es vielleicht
medizinische Kontrolle, oder Nachsorge. Wäre das besser?

Ich denke, da wird vieles aufgegriffen, ohne daß es in der Tiefe bearbeitet wurde.

Das ist ganz richtig. Aber der alte Artikel ging eben auch nicht in die
Tiefe, was die vorgeschlagenen Maßnahmen angeht. Statt dessen las man einige
Punkte zum Missbrauch und zu Risiken, ohne dass aber Maßnahmen zur Vermeidung
einhergehen.

Die Chancen stehen gut, daß Du auf dem Podium dafür auseinandergenommen wirst.

...wenn ich auf dem Podium stehen sollte. Ich bin kein AK-Mitglied, wäre aber
willens, meine Ausführungen zu erläutern, falls gewünscht. Ich kann das ggf.
auch aushalten, denn wie ihr an meinem Engagement sehen könnt, ist mir der
Punkt sehr wichtig.

Andis Vorschlag deckt zwar nur ein Partikularthema ab, aber das meiner
Ansicht nach gut. Hast Du Lust Deine Kritikpunkte aus dem Telefonat hier noch
mal über die Liste zu jagen?

Genau das wollte ich zunächst vermeiden, kann es aber gerne tun. Achtung, das
wird jetzt etwas länger - bitte aber trotzdem damit auseinandersetzen.

An folgenden Aussagen habe ich mich gestört:

*
Ob es einen "ständig steigenden Missbrauch" tatsächlich gibt, hatte ich in
Frage gestellt. Ich habe dazu in der Diskussion des letzten Wahlprogrammentwurfs eine
Studie angeführt, in der berufstätige Erwachsene befragt wurden. Die - meines Erachtens
unabhängigen - Autoren der Studie können einen steigenden Missbrauch nicht erkennen.
Tatsache ist, dass von solchem Missbrauch immer häufiger berichtet wird, und das
reflektiert die derzeit überarbeitete Version. Es gibt m.W. keine Studien, die einen
tatsächlich steigenden Missbrauch belegen.

Ich habe die Befürchtung, dass wir es mit einem Medien-Hype zu tun haben. Ein
Massenmedium quatscht dem anderen hier einen neuen "Trend" nach, der
vielleicht gar nicht existiert. Ich finde, wir sollten hier nicht Fiktion zu Fakten
machen und dem nicht aufsitzen. Deswegen bevorzuge ich die indirekte Formulierung, was
uns dem Problem enthebt, belastbare Studien oder Zahlen vorlegen zu müssen, wenn jemand
nach dem Ausmaß der Steigerung des Missbrauchs stellt.

Ganz ehrlich fürchte ich, das viele Studenten überhaupt erst durch die
Berichterstattung auf die Idee gebracht werden, Ritalin auszuprobieren, weil
sie sich irgendwelche Wunderdinge davon versprechen.

Den Missbrauch selbst gibt es, und das steht außer Frage.

*
Das Talkum zu Gefäßverstopfungen führt, ist ein ganz großes Problem, teilt Ritalin aber mit allen
Tabletten, die nicht geschluckt, sondern zerstoßen und geschnupft oder (noch viel gefährlicher)
aufgelöst und gespritzt werden - bekannt als "Talkumembolie". Talkum ist ein
"Füllstoff", mit dem der Wirkstoff zu Tablettengröße aufgefüllt wird.

Hier vermischt man Missbrauch als Drogenersatz (wenn Ritalin geschnupft oder
gespritzt wird) mit dem Missbrauch als vermeintlich leistungssteigernde Droge
(die Studenten, die sich damit dopen wollen, werden das kaum in Spritzenform,
sondern auf herkömmlichen Wege als Tablette einnehmen). Alle möglichen
Medikamente werden auf diese Art missbraucht, und die Talkumembolie ist ein
großes Problem dieser Art von Missbrauch. Hier wird es aber zum Hauptproblem
eines einzelnen Medikamentes erklärt, was schlicht falsch ist.

*
Es gibt bei MPH nur Rauschpotential, wenn man es sehr hochdosiert spritzt
oder schnupft - Leute, die ihre Leistung steigern wollen, wollen aber keinen
Rausch, sondern eben die Leistungssteigerung. Erst wenn es extrem überdosiert
wird, kann ein Rauscheffekt eintreten, der allerdings mit Speed nicht zu
vergleichen ist.

Der Begriff "Aufputscheffekt" ist auch nicht ganz korrekt - es geht beim
Einsatz zur Leistungsteigerung nicht ums Aufputschen, sondern um die Fähigkeit, besser
zu konzentrieren, und seine Aufmerksamkeit besser zu fokussieren. Man wird zwar wacher,
aber eben nicht aufgeputscht oder euphorisch, sondern eher in Richtung nüchterner.

In der Drogenszene wird es als Speed-Ersatz nur dann genommen, wenn es gar
nichts anderes gibt. Problem wird da nur der günstige Preis und die hohe
Verfügbarkeit in der Szene sein. Die Wirkung wird auch bei hoher Dosierung
nicht vergleichbar.

*
Methylphenidat ist tatsächlich dem Amphetamin (vulgo: Speed) ähnlich. Damit
ist aber nicht automatisch vergleichbare Wirkungsweise verbunden.

Methylphenidat hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitterstoffe Dopamin
und Noradrenalin. Daher steigt deren Niveau im Gehirn an (weil es einfach
langsamer abgebaut wird). Es wird aber nicht etwa mehr dieser Stoffe
ausgeschüttet. Daher führt auch eine Dosiserhöhung von MPH nicht zu einer
beliebigen Erhöhung des Niveaus, solange die Ausschüttung nicht gesteigert
wird.

Amphetamin hingegen führt zu einer aktiven, erhöhten Ausschüttung dieser
Neurotransmitterstoffe, zudem auch noch der Transport dieser in umgekehrter
Richtung durch die Zellmembran. Durch höhere Dosierung ist auch ein höherer
Ausstoß möglich. Letztlich wird das Niveau dadurch sehr viel stärker erhöht,
als es durch MPH möglich ist. Die Wirkungen können alleine daher schon nicht
vergleichbar werden.

Übrigens findet Amphetamin auch noch als Medikament Anwendung.

*
Der Punkt, das Methylphenidat zu Wesensveränderungen, gesteigerter
Agrressivität und schweren Depressionen führen kann, ist medizinisch
unbewiesen! Es gibt keine Studie, die entsprechende Folgen aufzeigt. Ich
finde es absolut gewagt, hier eine solche Aussage zu treffen, die nicht zu
beweisen, sondern sogar widerlegbar ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Drogen und Medikamenten ergibt MPH keinen
"Spiegel" im Blut bzw. im Gehirn. Es wird vollständig metabolisiert, und ist
dann abgebaut. Alle Untersuchungen haben ergeben, dass MPH keine körperliche
Abhängigkeit hervorrufen kann - auch bei hoher Überdosierung und über längeren
Zeitraum. Vielleicht wurden hier Hinweise, die für den Missbrauch von Speed gelten, für
MPH generalisiert, das ist allerdings nicht zutreffend.

Sehr wohl kann es nach langem Missbrauch bei plötzlichem Absetzen zu
Entzugserscheinungen führen, und auch zu psychischer Abhängigkeit. Ebenso ist
bei hoher Überdosierung die Leber und das Herz-Kreislaufsystem (durch
Bluthochdruck) gefährdet.

Übrigens ist auch Ephedrin dem Amphetamin verwandt, dies wird bei niedrigem Blutdruck
und gegen Asthmaanfälle angewendet. Auch hier gibt es ein Missbrauchspotential eines
ansonsten sinnvollen Medikamentes (Dr. House lässt grüßen). Übrigens,
"chemisch": Ephedrin kommt in der Natur vor (in bestimmten Pflanzen). Nicht
alle Stoffe dieser Strukturklasse sind also synthetisch.

*
Was die Wettbewerbsverzerrung durch Ritalin angeht: MPH macht "wach", aber nicht
"besser". Man ist vielleicht leistungsfähiger als ohne Ritalin, aber das ist man mit
Kaffee und ausreichend Schlaf sicher auch mehr als unausgeschlafen. Der Effekt, sich mit Ritalin
zu dopen, ist ganz gewiss überschätzt. In entsprechenden Studien konnten die Experten bei
gesunden Erwachsenen praktisch keine Leistungssteigerung nachweisen - obgleich sich die
Untersuchten oft selbst so einschätzten, stieg die Leistung kaum an. Es ist nicht möglich,
Lernerfolge mit MPH zu manipulieren - niemand wird dadurch klüger oder besser. Allenfalls seine
Aufmerksamkeitspanne kann er verlängern.

Ich finde daher das Problem der "Wettbewerbsverzerrung" in Unis etwas fehl am
Platze. Nach meinem Geschmack klingt es ein bischen so, als wäre der Autor beleidigt,
dass diese Form des Gehirndopings mit Geld bezahlen muss, und sie nicht allen zur
Verfügung stellt. Dabei finde ich das zwar unglücklich, aber bei weitem nicht das
schlimmste Problem des Medikamentenmissbrauchs..

Viel wichtiger finde ich nämlich:

- Es muss eine sorgfältig gestellte Diagnose geben.
- Ärzte, die mit diesem Medikament umgehen, müssen darin erfahren sein (Keine
Verschreibungen durch Hausärzte, Kinderärzte ohne entsprechenden Hintergrund).
- Das Medikament muss unbedingt von einer Therapie begleitet werden (multimodales
Konzept). Mit einer "Pille" alleine ist es nicht getan. - Patienten müssen
kontinuierlich medizinisch überwacht werden (was wohl leider nicht immer geschieht).
- Zulassung von MPH für erkrankte Erwachsene, denn Off-Label-Verschreibungen
an der Krankenkasse vorbei sorgen für Nachschub auf Schwarzmärkten.

*
Im jetzigen Text findet sich der Hinweis, dass die Rate der Verschreibung um
mehrere hundert Prozent gestiegen sei. Damit wird suggeriert, dass es sich um
eine Tendenz-Diagnose handelt, die oft unbegründet erfolgt..

Die Aussage, das "häufig keine ausführliche ärztliche Diagnose mehr zugrunde" liegt, ist zwar
möglich, aber nicht bewiesen. Ich fände es gewagt, das so zu postulieren - ob das "häufig" oder
"gelegentlich" der Fall ist, weiß keiner. Fakt ist selbstverständlich, das das eigentlich gar
nicht passieren darf, da stimmen wir überein. Ich kann auch aus eigener Erfahrung und Beobachtung sagen,
dass die Diagnose fast immer hinterfragt und in Zweifel gezogen wird, und daher keineswegs leichtfertig
gestellt oder akzeptiert ist. Die meisten Erkrankten oder deren Familien haben eine lange Odyssee von
Therapien, Gesprächen, Homöopathie, Nahrungsmitteltests usw. hinter sich, bis sie endlich beim MPH landen,
das vielen dann endlich hilft - und zum ersten Mal so etwas wie ein normales Leben ermöglicht.

Tatsache ist, dass bis heute nicht mal jedes vierte Kind, welches an AD(H)S
leidet, diagnostiziert, oder mit MPH behandelt wird. Ich finde das ganz
furchtbar, denn ich kann aus eigener Erfahrung und Beobachtung sagen, wie
sehr die betroffenen Kinder leiden.. Ich würde mir wünschen, die Diagnosen
und Verschreibungen würden noch viel weiter steigen, damit noch mehr Kranke
behandelt werden können. Leider geschieht das immer noch zu selten, und zu
wenig Ärzte haben Erfahrung mit AD(H)S.

Berücksichtigt auch die vielen Erwachsenen, die an AD(H)S leiden - denn bei
rund der Hälfte AD(H)S-kranker Kinder dauern die Symptome auch im
Erwachsenenalter noch an.

Aus der bloßen Steigerung auf einen Missbrauch zu schließen, diskriminiert
die Betroffenen als Simulanten oder dumme Opfer der Pharmaindustrie. Da würde
ich sehr dringend raten, mit Betroffenen und deren Angehörigen zu sprechen.
Die Kritik daran hört man immer nur von Leuten, die selbst nicht betroffen
sind.

Auch die vielen hundert Tonnen MPH, die heutzutage auf den Markt geworfen
werden, sind - aufgeteilt auf eine durchschnittliche Tagesdosis, und gemessen
an der durchschnittlichen Rate von zwischen 2 und 6% AD(H)S-erkrankten
Kindern in der gesamten Peer Group - nicht mal dazu geeignet, mehr als ein
Viertel aller betroffenen erkrankten Kinder zu behandeln. Von den Erwachsenen
ganz zu schweigen. Ein Potential für massenhaften Missbrauch der Substanz
sehe ich da ehrlich gesagt nicht.

*
Insgesamt störe ich mich sehr daran, dass wir gerade mit Händen und Füßen
versuchen, einen Stoff wie Cannabis seiner gesellschaftlichen Ächtung zu
entziehen, und seinen sinnvollen, gesunden und vernünftigen Verwendungen
zuzuführen - und dann auf der anderen Seite auf der gesellschaftlichen
Ächtung, die MPH derzeit erlebt, aus populistitschen Gründen herumreiten,
ohne dass wir mehr Maßnahmen zur Verhinderung des Missbrauchs anzubieten
hätten, als aufgezählt sind.

MPH wird neben Aufmerksamkeitsstörungen auch bei Narkolepsie und bei
Depressionen eingesetzt. Die betroffenen Erkrankten kämpfen jetzt schon mit
großem Unverständnis in der Öffentlichkeit, da in den Medien immer wieder das
Vorhandensein von AD(H)S überhaupt in Frage gestellt wird. Die jetzige
Formulierung ist geeignet, das zu verstärken. Wir sollten in diese Falle
nicht gehen.

Bevor ihr also das Kapitel 7.6 lieber in der derzeitigen als in der von mir
vorgeschlagenen Form sehen wollt, würde ich dafür plädieren, vollständig
darauf zu verzichten.

Davon ab wäre ich dafür, daß am Montag im Mumble zu klären.

Das können wir gerne machen, ich habe allerdings am Montag abend schon eine
andere Mumble-Sitzung. Wann soll die Sitzung stattfinden?

Viele Grüße

Daniel

Bis später,
Spiff

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----- Ursprüngliche Mail ----
Von: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>
An: "Andi@pp-w" <andi AT piratenpartei-wesel.de>;
nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de
Gesendet: Donnerstag, den 4. Februar 2010, 18:07:31 Uhr
Betreff: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag

Hi Andi,

Deine Argumentation verstehe ich nicht. Inwieweit ist es keine PP-Position,
sondern ein Arguliner? Welche Forderung stellst Du in der alten 7.6 auf, die
hier nicht enthalten ist? Ich kann - ausser einer Reihe von Aussagen, die
jede einzelne in Zweifel gezogen werden kann, wie wir telefonisch schon
besprochen haben - keine anderen Inhalte finden. Hinter dem jetzigen 7.6 kann
ich jedenfalls nicht stehen.

Statement der Anderen wäre nett.

Viele Grüße

Daniel




Andi@pp-w schrieb:
----- Original Message ----- From: "Daniel Schwerd" <schwerd AT gmx.de>
To: <nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de>
Sent: Thursday, February 04, 2010 5:29 PM
Subject: [NRW-AK-Drogen] Überarbeitung Kapitel 7..6, Vorschlag


Hallo liebe Liste,

ich habe gestern Abend mit Andi telefoniert, und wir haben abgesprochen, dass
ich einen Vorschlag zur Umformulierung des Kapitels 7.6 mache, um einerseits
die enthaltenen Fallstricke zu entschärfen, so dass aber andererseits die
gewünschte Intention erhalten bleibt.

Hier also mein Vorschlag, den ich hiermit gerne zur Diskussion stelle:

------------------------------
7.6. Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten zur
Leistungssteigerung

Es wird ein steigender Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten außerhalb
ihrer Anwendungsgebiete zur kognitiven Leistungssteigerung berichtet. Ein Beispiel ist
der Wirkstoff "Methylphenidat", der eigentlich zur Behandlung von
Aufmerksamkeitsstörungen verschrieben wird.

Die Piraten bedauern, dass scheinbar immer mehr Menschen zu chemischen
Mitteln greifen, um den steigenden Anforderungen aus Schule, Ausbildung,
Studium und Beruf gerecht zu werden. Wir würden uns wünschen, in einer
menschlichen Welt zu leben, in der die Anforderungen den Möglichkeiten der
Menschen Rechnung tragen, ohne dass Doping erforderlich wird.

Der Missbrauch von Medikamenten birgt erhebliche gesundheitliche Risiken bis
hin zu schwerer Abhängigkeit. Die Grenzen zur Sucht mit allen bekannten
Folgen sind fließend.

Zudem sehen wir die Gefahr, dass durch den finanziellen Zugang zu solchen Mitteln eine
Zweiklassengesellschaft von "Hochleistern" und "Minderleistern" eingeführt
wird.

Entwicklung dieser Richtung gilt es zu stoppen. Es muss verstärkt
Aufklärung über diese Medikamente bei den Zielgruppen erfolgen, um
einerseits die Wirksamkeit zu entmystifizieren (denn die Leistungssteigerung
wird womöglich überschätzt), andererseits vor den Risiken des Missbrauchs
eindringlich zu warnen. Die Piraten des Landesverbandes NRW wollen eine
landesweite Aufklärungskampagne ins Leben rufen, die wiederum
Vorbildcharakter haben soll für die Bundesrepublik.

Darüber hinaus sollen die Quellen der Mittel aufgedeckt und womöglich
ausgetrocknet werden. Eine mögliche Quelle sind Verschreibungen ohne
ausreichende ärztliche Diagnose und gesundheitlicher Kontrolle.

Daher fordern die NRW-Piraten, das bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, die
dieses Missbrauchspotential der Leistungssteigerung bieten, eine sorgfältig gestellte
Diagnose durch im Umgang mit dem verschriebenen Medikament erfahrene Ärzte erfolgen
soll. Medikamentengaben sollten möglichst von einer Therapie begleitet werden
("Multimodales Konzept"), und die Gesundheit der Patienten muss
kontinuierlich überwacht werden.
-----------------------------

Ich habe vor allen Dingen die vielen Details auf allgemeinere Formulierungen
geändert, um die vielen diskussionswürdigen Punkte zu entschärfen, und die
Diskriminierung von Kranken zu verhindern. Ich denke aber, dass auch so ganz
klar ist, wo die Reise hingehen soll..

Es besteht hier eine gewisse Redundanz zu 7.5 im Bereich
Medikamentenmissbrauch, das war allerdings bei der alten Formulierung auch
schon so. Vielleicht lassen sich die beiden Punkte auch anders aufteilen.

Alternativ könnte man den Punkt 7.6 vor die 7.5 platzieren, um klarzumachen,
dass die Regelungen des 7.5 die des 7.6 ergänzen sollen - das würde ich so
vorschlagen.

Was meint ihr?

Vielen Dank und viele Grüße

Daniel (Netnrd)
Hi daniel.

Deinen Vorschlag empfinde ich aber nun eher als einen Arguliner denn als eine
Parteiprogramm-Position....und du hast auch recht damit, dass das so quasi
eine doppelung von 7.5 wird...von der eigentlichen aussage (meiner Absicht)
ist da fast nix mehr übrig geblieben. SO können wir uns die Position sicher
sparen...fast alles ist in 7.5 enthalten...(;o)

Ich hab aber auf jeden fall die Überschrift schonmal geändert...sowie den
begriff 'Jugenpsychopharmaka' heraus genommen.
*winx*
____________________________________________
Andi R. , Wesel , NRW , Tel: 0152 - 29 27 43 75
Mail: andi AT piratenpartei-wesel.de
Crew: http://wiki.piratenpartei.de/Crew:Rhine_Riders
Web: http://www.piratenpartei-wesel.de
Home: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Trancefair
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Ende NRW-AK-Drogen Nachrichtensammlung, Band 5, Eintrag 7
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Ende NRW-AK-Drogen Nachrichtensammlung, Band 5, Eintrag 9
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