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nrw-ak-drogen - Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag

nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Nrw-ak-drogen mailing list

Listenarchiv

Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag


Chronologisch Thread 
  • From: Spiff Pirat <spiffpp AT yahoo.de>
  • To: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>, AK Drogen <nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag
  • Date: Fri, 5 Feb 2010 16:42:27 +0000 (GMT)
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/nrw-ak-drogen>
  • List-id: <nrw-ak-drogen.lists.piratenpartei.de>

Hallo Daniel,

ich habe jetzt alle Deine Ausführungen gelesen und jetzt habe ich den
Eindruck, daß Du zu nah am Thema ADHS dran bist, als das Du da wirklich
objektiv urteilen kannst. Tut mir echt Leid, aber ich habe mitbekommen, wie
leichtfertig mit solchen Diagnosen und Medikamenten umgegangen wird und es
gibt viele Möglichkeiten, ADHS begleitend zu unterstützen. Und ich bleibe bei
meiner Meinung: Medikamente nur in Verbindung mit Therapie und nur dann wenn
weniger invasive Alternativen aufgebraucht sind.
Übrigens, die persönlichkeitsverändernden Nebenwirkungen bishin zu
Depressionen werden im Beipackzettel erwähnt. Wenn schon die Hersteller diese
Dinge erwähnen, dann stehen sie alles andere als auf wackeligen Füßen.

Ich bleibe auch dabei:
- Es muss eine sorgfältig gestellte Diagnose geben.
-
Ärzte, die mit diesem Medikament umgehen, müssen darin erfahren sein
(Keine Verschreibungen durch Hausärzte, Kinderärzte ohne entsprechenden
Hintergrund).
- Das Medikament muss unbedingt von einer Therapie
begleitet werden (multimodales Konzept). Mit einer "Pille" alleine ist
es nicht getan.
- Patienten müssen kontinuierlich medizinisch überwacht
werden (was wohl leider nicht immer geschieht).
- Zulassung von MPH
für erkrankte Erwachsene, denn Off-Label-Verschreibungen an der
Krankenkasse vorbei sorgen für Nachschub auf Schwarzmärkten.

Das sind sicherlich sinnvolle Ideen, aber über ihre Umsetzung schreibst Du
nix. Du kannst nicht einfach dem Patient mehr Arbeit aufhalsen, damit ist der
nämlich noch mehr überfordert, als er es jetzt schon ist. Du kannst auch
nicht einfach daher gehen und den Hausärzten verbieten, einen Haufen von
Medikamenten zu verschreiben, ohne zu klären, wo die Patienten dann ihre
Medikamente herbekommen. Begleitung mit Therapie fördern ist auch schön und
gut, aber wie soll das in der Praxis umgesetzt werden und wer soll die ganzen
Therapieplätze bezahlen? Und woher nimmt man die Therapeuten? Die
durchschnittlichen Wartezeiten für einen Therapieplatz in meiner Umgebung
sind mindestens 3 Monate. Was bedeutet medizinische Überwachung konkret?
Blutbild? Gespräch? Und die Sache mit den Off-Label-Verschreibungen ist auch
so eine Sache, sehr schwieriges Thema, weil natürlich totaler Murks,
andererseits im Moment für die Ärzte notwendig.

In der gesamten Psychiatrieszene läuft sehr vieles schief. Dadurch, daß
unsere bisherigen Programmpunkte sehr punktuell waren, konnten wir uns da ein
bißchen aus der Verantwortung stehlen, umfassende Ansätze entwerfen zu
müssen. Und das ist das Hauptproblem, was ich mit Deinem Vorschlag habe. Er
deckt sehr viele Bereiche ab ohne ihnen gerecht zu werden. Mal abgesehen
davon, daß solche Dinge auch Fragen der Drogen- UND Gesundheitspolitik sind
und wir uns deshalb mit dem AK Gesundheit kurzschließen müßten, was zeitlich
sehr eng wird, bin ich der Auffassung, wenn wir uns mit dem Monster der
Psychiatrie auseinander setzen wollen, dann in umfassendem Maße und mit dem
nötigen Tiefgang.

Also mumblen wäre echt mal angebracht, wir haben zu Anfang der AK Gründung
auch einige grundlegende Dinge festgelegt und ich denke das läßt sich in
einem Gespräch besser vermitteln als schriftlich und außerdem hab ich auch
nur sehr begrenzte Zeit gerade.

Bis später,
Spiff

------
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----- Ursprüngliche Mail ----
Von: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>
An: nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de
Gesendet: Donnerstag, den 4. Februar 2010, 23:27:36 Uhr
Betreff: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7..6, Vorschlag

Hallo Spiff,

meine Anmerkungen habe ich unter Deine geschrieben.

-----------------------
>
> Message: 4
> Date: Thu, 4 Feb 2010 19:54:51 +0000 (GMT)
> From: Spiff Pirat <spiffpp AT yahoo.de>
> Subject: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag
>
> Ich habe jetzt noch mal alles gelesen und drüber nachgedacht und nehme alle
> vorherigen Meinungsäußerungen zurück. Stattdessen wäre ich dafür Andis
> Vorschlag beizubehalten in der jetzigen Form und vielleicht die Überschrift
> auszutauschen gegen "Mißbrauch von Psychopharmaka zur Leistungssteigerung".
> Nach dem ich Daniels Vorschlag noch mal gelesen habe, komme ich zu dem
> Schluß, daß das ein guter Blogeintrag wäre, aber nicht in ein Wahlporgramm
> gehört, damit meine ich Sätze wie: "Die Piraten bedauern, dass scheinbar
> immer mehr Menschen zu chemischen
> Mitteln greifen, um den steigenden Anforderungen aus Schule,
> Ausbildung, Studium und Beruf gerecht zu werden. Wir würden uns
> wünschen, in einer menschlichen Welt zu leben, in der die
> Anforderungen den Möglichkeiten der Menschen Rechnung tragen, ohne
> dass Doping erforderlich wird.".

Klar ist das nicht konkret. Aber das kann man doch kaum konkret fordern,
oder? Wenn es Euch stört, lasst es weg.

> Davon ab werden in Daniels Entwurf direkt ein Haufen von Themen
> angeschnitten, dafür geht der Vorschlag aber einfach nicht genug in die
> Tiefe.
>

Das tat der alte auch nicht. Die vorgeschlagenen Maßnahmen entsprechen genau
denen des alten Vorschlages. Lediglich die beschriebenen Aussagen gehen
weiter in die Tiefe, sind aber größtenteils falsch, vermischen verschiedene
Aspekte, und beleuchten meiner Meinung nach nicht die Probleme. Siehe weiter
unten.

>>> Der Missbrauch von Medikamenten birgt erhebliche gesundheitliche
> Risiken bis hin zu schwerer Abhängigkeit. Die Grenzen zur Sucht mit
> allen bekannten Folgen sind fließend.
> Hier mäßte man schon differenzieren, was Sucht mit allen bekannten Folgen
> genau heißen soll.
>

Das ist eben gar nicht so einfach. Schwere Folgen von Missbrauch sind z.B.
die bekannte Talkum-Embolie, Nierenversagen, Halluzinationen oder
Herz-Kreislaufprobleme, wobei das dann sehr abhängig von der jeweiligen
Substanz ist. Wenn ihr wollt, können wir dort einige dieser Folgen aufzählen.

>>> Es muss verstärkt Aufklärung über diese Medikamente bei den Zielgruppen
>>> erfolgen,
> Wer ist denn da jetzt gemeint? Ursprüngliche Zielgruppe wären Patienten,
> die benötigen aber keine Suchtaufklärung und man sollte ihnen vielleicht
> auch nicht unbedingt erzählen, wieviel sie für ihr Ritalin auf dem
> Schwarzmarkt bekommen könnten. Wer wären die Zielgruppen für
> Präventionsarbeit? Studenten? Mütter? Manager? Sportler? Das ist dann ja
> schon fast die ganze Gesellschaft.
>

Da hast Du natürlich recht.. Ich meine die Gruppen, die für Missbrauch
anfällig sind. Das sind gerade Schüler, Studenten und Personen in besonders
leistungsfordernden Berufen. Selbstverständlich nicht die Zielgruppen des
normalen Gebrauchs.

>>> Darüber hinaus sollen die Quellen der Mittel aufgedeckt und womöglich
> ausgetrocknet werden. Eine mögliche Quelle sind Verschreibungen ohne
> ausreichende ärztliche Diagnose und gesundheitlicher Kontrolle.
> Und was schlägstDu als Gegenmaßnahme vor? Wir können nicht einfach fordern,
daß immer ein Facharzt mit eingeschaltet wird, ohne uns vorher mal zu
erkundigen, ob das praktisch überhaupt umsetzbar ist.
>

Was ich fordere, steht eben genau im Absatz danach:

>>> Daher fordern die NRW-Piraten, das bei verschreibungspflichtigen
> Medikamenten, die dieses Missbrauchspotential der Leistungssteigerung
> bieten, eine sorgfältig gestellte Diagnose durch im Umgang mit dem
> verschriebenen Medikament erfahrene Ärzte erfolgen soll.
> Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Diagnose als sorgfältig
> gilt?
>

Ich kenne das nicht für jede Krankheit, aber beispielsweise für AD(H)S
existieren zwei Kriterienkataloge, der sogenannte ICD 10, bzw. der DSM IV.
Diese müssen sorgfältig abgearbeitet und überprüft werden, und daraus wird
ein bestimmte Quote ermittelt, aus der man dann auf das Vorhandensein von
AD(H)S schließen kann. Fakt ist aber, das oft Kinder- oder Hausärzte solche
Mittel verschreiben, ohne wirklich Ahnung davon zu haben und ohne diese
Kriterien zu überprüfen. Was andere Krankheiten angeht, können Ärzte
sicherlich besser überblicken als ich, welche Diagnosemöglichkeiten es gibt,
die unbedingt erfolgen sollten.

Ich finde aber, dass diese Angaben in einem Wahlprogramm zu weit gehen.

>>> Medikamentengaben sollten möglichst von einer Therapie begleitet
> werden ("Multimodales Konzept"), und die Gesundheit der Patienten muss
> kontinuierlich überwacht werden.
> Überwachung kommt bei den Piraten nie so gut an, in welcher Form soll diese
> Überwachung laufen?
>

Gesundheitliche Überwachung ist gemeint - also z.B. die regelmäßige Kontrolle
des Blutbildes, mit Leberwerten und dem ganzen PiPaPo, der Gewichts- und
Größenkontrolle, Blutdruck und sonstiger Vitalwerte. Kann sein, dass man bei
Überwachung zu schnell auf George Orwell kommt, nennen wir es vielleicht
medizinische Kontrolle, oder Nachsorge. Wäre das besser?

> Ich denke, da wird vieles aufgegriffen, ohne daß es in der Tiefe bearbeitet
> wurde.

Das ist ganz richtig. Aber der alte Artikel ging eben auch nicht in die
Tiefe, was die vorgeschlagenen Maßnahmen angeht. Statt dessen las man einige
Punkte zum Missbrauch und zu Risiken, ohne dass aber Maßnahmen zur Vermeidung
einhergehen.

Die Chancen stehen gut, daß Du auf dem Podium dafür auseinandergenommen wirst.

...wenn ich auf dem Podium stehen sollte. Ich bin kein AK-Mitglied, wäre aber
willens, meine Ausführungen zu erläutern, falls gewünscht. Ich kann das ggf.
auch aushalten, denn wie ihr an meinem Engagement sehen könnt, ist mir der
Punkt sehr wichtig.

Andis Vorschlag deckt zwar nur ein Partikularthema ab, aber das meiner
Ansicht nach gut. Hast Du Lust Deine Kritikpunkte aus dem Telefonat hier noch
mal über die Liste zu jagen?

Genau das wollte ich zunächst vermeiden, kann es aber gerne tun. Achtung, das
wird jetzt etwas länger - bitte aber trotzdem damit auseinandersetzen.

An folgenden Aussagen habe ich mich gestört:

*
Ob es einen "ständig steigenden Missbrauch" tatsächlich gibt, hatte ich in
Frage gestellt. Ich habe dazu in der Diskussion des letzten
Wahlprogrammentwurfs eine Studie angeführt, in der berufstätige Erwachsene
befragt wurden. Die - meines Erachtens unabhängigen - Autoren der Studie
können einen steigenden Missbrauch nicht erkennen. Tatsache ist, dass von
solchem Missbrauch immer häufiger berichtet wird, und das reflektiert die
derzeit überarbeitete Version. Es gibt m.W. keine Studien, die einen
tatsächlich steigenden Missbrauch belegen.

Ich habe die Befürchtung, dass wir es mit einem Medien-Hype zu tun haben. Ein
Massenmedium quatscht dem anderen hier einen neuen "Trend" nach, der
vielleicht gar nicht existiert. Ich finde, wir sollten hier nicht Fiktion zu
Fakten machen und dem nicht aufsitzen. Deswegen bevorzuge ich die indirekte
Formulierung, was uns dem Problem enthebt, belastbare Studien oder Zahlen
vorlegen zu müssen, wenn jemand nach dem Ausmaß der Steigerung des
Missbrauchs stellt.

Ganz ehrlich fürchte ich, das viele Studenten überhaupt erst durch die
Berichterstattung auf die Idee gebracht werden, Ritalin auszuprobieren, weil
sie sich irgendwelche Wunderdinge davon versprechen.

Den Missbrauch selbst gibt es, und das steht außer Frage.

*
Das Talkum zu Gefäßverstopfungen führt, ist ein ganz großes Problem, teilt
Ritalin aber mit allen Tabletten, die nicht geschluckt, sondern zerstoßen und
geschnupft oder (noch viel gefährlicher) aufgelöst und gespritzt werden -
bekannt als "Talkumembolie". Talkum ist ein "Füllstoff", mit dem der
Wirkstoff zu Tablettengröße aufgefüllt wird.

Hier vermischt man Missbrauch als Drogenersatz (wenn Ritalin geschnupft oder
gespritzt wird) mit dem Missbrauch als vermeintlich leistungssteigernde Droge
(die Studenten, die sich damit dopen wollen, werden das kaum in Spritzenform,
sondern auf herkömmlichen Wege als Tablette einnehmen). Alle möglichen
Medikamente werden auf diese Art missbraucht, und die Talkumembolie ist ein
großes Problem dieser Art von Missbrauch. Hier wird es aber zum Hauptproblem
eines einzelnen Medikamentes erklärt, was schlicht falsch ist.

*
Es gibt bei MPH nur Rauschpotential, wenn man es sehr hochdosiert spritzt
oder schnupft - Leute, die ihre Leistung steigern wollen, wollen aber keinen
Rausch, sondern eben die Leistungssteigerung. Erst wenn es extrem überdosiert
wird, kann ein Rauscheffekt eintreten, der allerdings mit Speed nicht zu
vergleichen ist.

Der Begriff "Aufputscheffekt" ist auch nicht ganz korrekt - es geht beim
Einsatz zur Leistungsteigerung nicht ums Aufputschen, sondern um die
Fähigkeit, besser zu konzentrieren, und seine Aufmerksamkeit besser zu
fokussieren. Man wird zwar wacher, aber eben nicht aufgeputscht oder
euphorisch, sondern eher in Richtung nüchterner.

In der Drogenszene wird es als Speed-Ersatz nur dann genommen, wenn es gar
nichts anderes gibt. Problem wird da nur der günstige Preis und die hohe
Verfügbarkeit in der Szene sein. Die Wirkung wird auch bei hoher Dosierung
nicht vergleichbar.

*
Methylphenidat ist tatsächlich dem Amphetamin (vulgo: Speed) ähnlich. Damit
ist aber nicht automatisch vergleichbare Wirkungsweise verbunden.

Methylphenidat hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitterstoffe Dopamin
und Noradrenalin. Daher steigt deren Niveau im Gehirn an (weil es einfach
langsamer abgebaut wird). Es wird aber nicht etwa mehr dieser Stoffe
ausgeschüttet. Daher führt auch eine Dosiserhöhung von MPH nicht zu einer
beliebigen Erhöhung des Niveaus, solange die Ausschüttung nicht gesteigert
wird.

Amphetamin hingegen führt zu einer aktiven, erhöhten Ausschüttung dieser
Neurotransmitterstoffe, zudem auch noch der Transport dieser in umgekehrter
Richtung durch die Zellmembran. Durch höhere Dosierung ist auch ein höherer
Ausstoß möglich. Letztlich wird das Niveau dadurch sehr viel stärker erhöht,
als es durch MPH möglich ist. Die Wirkungen können alleine daher schon nicht
vergleichbar werden.

Übrigens findet Amphetamin auch noch als Medikament Anwendung.

*
Der Punkt, das Methylphenidat zu Wesensveränderungen, gesteigerter
Agrressivität und schweren Depressionen führen kann, ist medizinisch
unbewiesen! Es gibt keine Studie, die entsprechende Folgen aufzeigt. Ich
finde es absolut gewagt, hier eine solche Aussage zu treffen, die nicht zu
beweisen, sondern sogar widerlegbar ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Drogen und Medikamenten ergibt MPH keinen
"Spiegel" im Blut bzw. im Gehirn. Es wird vollständig metabolisiert, und ist
dann abgebaut. Alle Untersuchungen haben ergeben, dass MPH keine körperliche
Abhängigkeit hervorrufen kann - auch bei hoher Überdosierung und über
längeren Zeitraum. Vielleicht wurden hier Hinweise, die für den Missbrauch
von Speed gelten, für MPH generalisiert, das ist allerdings nicht zutreffend.

Sehr wohl kann es nach langem Missbrauch bei plötzlichem Absetzen zu
Entzugserscheinungen führen, und auch zu psychischer Abhängigkeit. Ebenso ist
bei hoher Überdosierung die Leber und das Herz-Kreislaufsystem (durch
Bluthochdruck) gefährdet.

Übrigens ist auch Ephedrin dem Amphetamin verwandt, dies wird bei niedrigem
Blutdruck und gegen Asthmaanfälle angewendet. Auch hier gibt es ein
Missbrauchspotential eines ansonsten sinnvollen Medikamentes (Dr. House lässt
grüßen). Übrigens, "chemisch": Ephedrin kommt in der Natur vor (in bestimmten
Pflanzen). Nicht alle Stoffe dieser Strukturklasse sind also synthetisch.

*
Was die Wettbewerbsverzerrung durch Ritalin angeht: MPH macht "wach", aber
nicht "besser". Man ist vielleicht leistungsfähiger als ohne Ritalin, aber
das ist man mit Kaffee und ausreichend Schlaf sicher auch mehr als
unausgeschlafen. Der Effekt, sich mit Ritalin zu dopen, ist ganz gewiss
überschätzt. In entsprechenden Studien konnten die Experten bei gesunden
Erwachsenen praktisch keine Leistungssteigerung nachweisen - obgleich sich
die Untersuchten oft selbst so einschätzten, stieg die Leistung kaum an. Es
ist nicht möglich, Lernerfolge mit MPH zu manipulieren - niemand wird dadurch
klüger oder besser. Allenfalls seine Aufmerksamkeitspanne kann er verlängern.

Ich finde daher das Problem der "Wettbewerbsverzerrung" in Unis etwas fehl am
Platze. Nach meinem Geschmack klingt es ein bischen so, als wäre der Autor
beleidigt, dass diese Form des Gehirndopings mit Geld bezahlen muss, und sie
nicht allen zur Verfügung stellt. Dabei finde ich das zwar unglücklich, aber
bei weitem nicht das schlimmste Problem des Medikamentenmissbrauchs..

Viel wichtiger finde ich nämlich:

- Es muss eine sorgfältig gestellte Diagnose geben.
- Ärzte, die mit diesem Medikament umgehen, müssen darin erfahren sein (Keine
Verschreibungen durch Hausärzte, Kinderärzte ohne entsprechenden Hintergrund).
- Das Medikament muss unbedingt von einer Therapie begleitet werden
(multimodales Konzept). Mit einer "Pille" alleine ist es nicht getan. -
Patienten müssen kontinuierlich medizinisch überwacht werden (was wohl leider
nicht immer geschieht).
- Zulassung von MPH für erkrankte Erwachsene, denn Off-Label-Verschreibungen
an der Krankenkasse vorbei sorgen für Nachschub auf Schwarzmärkten.

*
Im jetzigen Text findet sich der Hinweis, dass die Rate der Verschreibung um
mehrere hundert Prozent gestiegen sei. Damit wird suggeriert, dass es sich um
eine Tendenz-Diagnose handelt, die oft unbegründet erfolgt..

Die Aussage, das "häufig keine ausführliche ärztliche Diagnose mehr zugrunde"
liegt, ist zwar möglich, aber nicht bewiesen. Ich fände es gewagt, das so zu
postulieren - ob das "häufig" oder "gelegentlich" der Fall ist, weiß keiner.
Fakt ist selbstverständlich, das das eigentlich gar nicht passieren darf, da
stimmen wir überein. Ich kann auch aus eigener Erfahrung und Beobachtung
sagen, dass die Diagnose fast immer hinterfragt und in Zweifel gezogen wird,
und daher keineswegs leichtfertig gestellt oder akzeptiert ist. Die meisten
Erkrankten oder deren Familien haben eine lange Odyssee von Therapien,
Gesprächen, Homöopathie, Nahrungsmitteltests usw. hinter sich, bis sie
endlich beim MPH landen, das vielen dann endlich hilft - und zum ersten Mal
so etwas wie ein normales Leben ermöglicht.

Tatsache ist, dass bis heute nicht mal jedes vierte Kind, welches an AD(H)S
leidet, diagnostiziert, oder mit MPH behandelt wird. Ich finde das ganz
furchtbar, denn ich kann aus eigener Erfahrung und Beobachtung sagen, wie
sehr die betroffenen Kinder leiden.. Ich würde mir wünschen, die Diagnosen
und Verschreibungen würden noch viel weiter steigen, damit noch mehr Kranke
behandelt werden können. Leider geschieht das immer noch zu selten, und zu
wenig Ärzte haben Erfahrung mit AD(H)S.

Berücksichtigt auch die vielen Erwachsenen, die an AD(H)S leiden - denn bei
rund der Hälfte AD(H)S-kranker Kinder dauern die Symptome auch im
Erwachsenenalter noch an.

Aus der bloßen Steigerung auf einen Missbrauch zu schließen, diskriminiert
die Betroffenen als Simulanten oder dumme Opfer der Pharmaindustrie. Da würde
ich sehr dringend raten, mit Betroffenen und deren Angehörigen zu sprechen.
Die Kritik daran hört man immer nur von Leuten, die selbst nicht betroffen
sind.

Auch die vielen hundert Tonnen MPH, die heutzutage auf den Markt geworfen
werden, sind - aufgeteilt auf eine durchschnittliche Tagesdosis, und gemessen
an der durchschnittlichen Rate von zwischen 2 und 6% AD(H)S-erkrankten
Kindern in der gesamten Peer Group - nicht mal dazu geeignet, mehr als ein
Viertel aller betroffenen erkrankten Kinder zu behandeln. Von den Erwachsenen
ganz zu schweigen. Ein Potential für massenhaften Missbrauch der Substanz
sehe ich da ehrlich gesagt nicht.

*
Insgesamt störe ich mich sehr daran, dass wir gerade mit Händen und Füßen
versuchen, einen Stoff wie Cannabis seiner gesellschaftlichen Ächtung zu
entziehen, und seinen sinnvollen, gesunden und vernünftigen Verwendungen
zuzuführen - und dann auf der anderen Seite auf der gesellschaftlichen
Ächtung, die MPH derzeit erlebt, aus populistitschen Gründen herumreiten,
ohne dass wir mehr Maßnahmen zur Verhinderung des Missbrauchs anzubieten
hätten, als aufgezählt sind.

MPH wird neben Aufmerksamkeitsstörungen auch bei Narkolepsie und bei
Depressionen eingesetzt. Die betroffenen Erkrankten kämpfen jetzt schon mit
großem Unverständnis in der Öffentlichkeit, da in den Medien immer wieder das
Vorhandensein von AD(H)S überhaupt in Frage gestellt wird. Die jetzige
Formulierung ist geeignet, das zu verstärken. Wir sollten in diese Falle
nicht gehen.

Bevor ihr also das Kapitel 7.6 lieber in der derzeitigen als in der von mir
vorgeschlagenen Form sehen wollt, würde ich dafür plädieren, vollständig
darauf zu verzichten.

>
> Davon ab wäre ich dafür, daß am Montag im Mumble zu klären.

Das können wir gerne machen, ich habe allerdings am Montag abend schon eine
andere Mumble-Sitzung. Wann soll die Sitzung stattfinden?

Viele Grüße

Daniel

>
> Bis später,
> Spiff
>
> ------
> Bitte beachten Sie, dass dem Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung zufolge
> jeder elektronische Kontakt mit mir sechs Monate lang gespeichert wird.
> Please note that according to the German law on data retention,
> information on every electronic information exchange with me is retained
> for a period of six months.
>
>
> www.piratenpartei.de - Klarmachen zum Ändern!
>
>
>
> ----- Ursprüngliche Mail ----
> Von: Daniel Schwerd <schwerd AT gmx.de>
> An: "Andi@pp-w" <andi AT piratenpartei-wesel.de>;
> nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de
> Gesendet: Donnerstag, den 4. Februar 2010, 18:07:31 Uhr
> Betreff: Re: [NRW-AK-Drogen] Xberarbeitung Kapitel 7.6, Vorschlag
>
> Hi Andi,
>
> Deine Argumentation verstehe ich nicht. Inwieweit ist es keine PP-Position,
> sondern ein Arguliner? Welche Forderung stellst Du in der alten 7.6 auf,
> die hier nicht enthalten ist? Ich kann - ausser einer Reihe von Aussagen,
> die jede einzelne in Zweifel gezogen werden kann, wie wir telefonisch schon
> besprochen haben - keine anderen Inhalte finden. Hinter dem jetzigen 7.6
> kann ich jedenfalls nicht stehen.
>
> Statement der Anderen wäre nett.
>
> Viele Grüße
>
> Daniel
>
>
>
>
> Andi@pp-w schrieb:
>> ----- Original Message ----- From: "Daniel Schwerd" <schwerd AT gmx.de>
>> To: <nrw-ak-drogen AT lists.piratenpartei.de>
>> Sent: Thursday, February 04, 2010 5:29 PM
>> Subject: [NRW-AK-Drogen] Überarbeitung Kapitel 7..6, Vorschlag
>>
>>
>>> Hallo liebe Liste,
>>>
>>> ich habe gestern Abend mit Andi telefoniert, und wir haben abgesprochen,
>>> dass ich einen Vorschlag zur Umformulierung des Kapitels 7.6 mache, um
>>> einerseits die enthaltenen Fallstricke zu entschärfen, so dass aber
>>> andererseits die gewünschte Intention erhalten bleibt.
>>>
>>> Hier also mein Vorschlag, den ich hiermit gerne zur Diskussion stelle:
>>>
>>> ------------------------------
>>> 7.6. Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten zur
>>> Leistungssteigerung
>>>
>>> Es wird ein steigender Missbrauch von verschreibungspflichtigen
>>> Medikamenten außerhalb ihrer Anwendungsgebiete zur kognitiven
>>> Leistungssteigerung berichtet. Ein Beispiel ist der Wirkstoff
>>> "Methylphenidat", der eigentlich zur Behandlung von
>>> Aufmerksamkeitsstörungen verschrieben wird.
>>>
>>> Die Piraten bedauern, dass scheinbar immer mehr Menschen zu chemischen
>>> Mitteln greifen, um den steigenden Anforderungen aus Schule, Ausbildung,
>>> Studium und Beruf gerecht zu werden. Wir würden uns wünschen, in einer
>>> menschlichen Welt zu leben, in der die Anforderungen den Möglichkeiten
>>> der Menschen Rechnung tragen, ohne dass Doping erforderlich wird.
>>>
>>> Der Missbrauch von Medikamenten birgt erhebliche gesundheitliche Risiken
>>> bis hin zu schwerer Abhängigkeit. Die Grenzen zur Sucht mit allen
>>> bekannten Folgen sind fließend.
>>>
>>> Zudem sehen wir die Gefahr, dass durch den finanziellen Zugang zu solchen
>>> Mitteln eine Zweiklassengesellschaft von "Hochleistern" und
>>> "Minderleistern" eingeführt wird.
>>>
>>> Entwicklung dieser Richtung gilt es zu stoppen. Es muss verstärkt
>>> Aufklärung über diese Medikamente bei den Zielgruppen erfolgen, um
>>> einerseits die Wirksamkeit zu entmystifizieren (denn die
>>> Leistungssteigerung wird womöglich überschätzt), andererseits vor den
>>> Risiken des Missbrauchs eindringlich zu warnen. Die Piraten des
>>> Landesverbandes NRW wollen eine landesweite Aufklärungskampagne ins
>>> Leben rufen, die wiederum Vorbildcharakter haben soll für die
>>> Bundesrepublik.
>>>
>>> Darüber hinaus sollen die Quellen der Mittel aufgedeckt und womöglich
>>> ausgetrocknet werden. Eine mögliche Quelle sind Verschreibungen ohne
>>> ausreichende ärztliche Diagnose und gesundheitlicher Kontrolle.
>>>
>>> Daher fordern die NRW-Piraten, das bei verschreibungspflichtigen
>>> Medikamenten, die dieses Missbrauchspotential der Leistungssteigerung
>>> bieten, eine sorgfältig gestellte Diagnose durch im Umgang mit dem
>>> verschriebenen Medikament erfahrene Ärzte erfolgen soll.
>>> Medikamentengaben sollten möglichst von einer Therapie begleitet werden
>>> ("Multimodales Konzept"), und die Gesundheit der Patienten muss
>>> kontinuierlich überwacht werden.
>>> -----------------------------
>>>
>>> Ich habe vor allen Dingen die vielen Details auf allgemeinere
>>> Formulierungen geändert, um die vielen diskussionswürdigen Punkte zu
>>> entschärfen, und die Diskriminierung von Kranken zu verhindern. Ich
>>> denke aber, dass auch so ganz klar ist, wo die Reise hingehen soll..
>>>
>>> Es besteht hier eine gewisse Redundanz zu 7.5 im Bereich
>>> Medikamentenmissbrauch, das war allerdings bei der alten Formulierung
>>> auch schon so. Vielleicht lassen sich die beiden Punkte auch anders
>>> aufteilen.
>>>
>>> Alternativ könnte man den Punkt 7.6 vor die 7.5 platzieren, um
>>> klarzumachen, dass die Regelungen des 7.5 die des 7.6 ergänzen sollen -
>>> das würde ich so vorschlagen.
>>>
>>> Was meint ihr?
>>>
>>> Vielen Dank und viele Grüße
>>>
>>> Daniel (Netnrd)
>>
>> Hi daniel.
>>
>> Deinen Vorschlag empfinde ich aber nun eher als einen Arguliner denn als
>> eine Parteiprogramm-Position....und du hast auch recht damit, dass das so
>> quasi eine doppelung von 7.5 wird...von der eigentlichen aussage (meiner
>> Absicht) ist da fast nix mehr übrig geblieben. SO können wir uns die
>> Position sicher sparen...fast alles ist in 7.5 enthalten...(;o)
>>
>> Ich hab aber auf jeden fall die Überschrift schonmal geändert...sowie den
>> begriff 'Jugenpsychopharmaka' heraus genommen.
>> *winx*
>> ____________________________________________
>> Andi R. , Wesel , NRW , Tel: 0152 - 29 27 43 75
>> Mail: andi AT piratenpartei-wesel.de
>> Crew: http://wiki.piratenpartei.de/Crew:Rhine_Riders
>> Web: http://www.piratenpartei-wesel.de
>> Home: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Trancefair
>> ____________________________________________
>>
>>
>
> _______________________________________________
> NRW-AK-Drogen mailing list
> NRW-AK-Drogen AT lists.piratenpartei.de
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> Sie sind Spam leid? Yahoo! Mail verfügt über einen herausragenden Schutz
> gegen Massenmails. http://mail.yahoo.com
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>
> Ende NRW-AK-Drogen Nachrichtensammlung, Band 5, Eintrag 7
> *********************************************************

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