Zum Inhalt springen.
Sympa Menü

ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Pakt für den Euro - ESM und anderes (Entwurf / Fragen)

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

Listenarchiv

Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Pakt für den Euro - ESM und anderes (Entwurf / Fragen)


Chronologisch Thread 
  • From: Logos <Logos AT news.piratenpartei.de>
  • To: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Pakt für den Euro - ESM und anderes (Entwurf / Fragen)
  • Date: Fri, 29 Jun 2012 16:01:13 +0200
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
  • Organization: Newsserver der Piratenpartei Deutschland - Infos siehe: http://wiki.piratenpartei.de/Syncom/Newsserver

aloa5 wrote:

Ein funktionierender Stabilitätspakt enthält folgende Elemente:

1) Außenwirtschaftlicher Stabilitätspakt (2)
- Außenwirtschaftliche Stabilitätsvereinbarungen entfalten
Wirkung auf innerstaatliche fiskalische Entscheidungen.
Entscheidungen eispielsweise welche Lohnkosten senken um die
wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland zu erhöhen oder
ähnliche Maßnahmen entfalten immer auch Wirkungen auf die anderen
Länder der Union. Das ist fiskalisch mit regulierenden
Gegenmaßnahmen abzustimmen, entweder im Land selbst oder im
Verbund. Im magischen Viereck der Wirtschaftspolitik(3), bestehend
aus Preisniveaustabilität, Beschäftigungsstand,
außenwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes
Wirtschaftswachstum ist in jedem Land für sich eine ausgewogene
Stellung anzustreben. Wenn ein Land zu stark in der einen oder
anderen der genannten Positionen eine Extremstellung einnimmt
führt dies für den Euro-Raum im gesamten zu Problemen.


solche detailierten wirtschaftpolitischen Vertragsvereinbarungen kommen einer ständigen gemeinsamen europäischen Regierung ziemlich nahe. Schwer zu erreichen. Die Staaten tun sich ja schon schwer, bei der Schuldenbegrenzung eine Vereinbarungen zu treffen. Die Demokratie für eine EU-Regierung ist ziemlich fraglich - da fehlen noch viele Jahrzehnte, sofern es überhaupt was wird.

Andererseits entfaltet der Schuldendruck von selbst Handlungs-Druck. spätestens seit der Krise. Die Löhne und Sozialleistungen der Griechen z.B. sinken so oder so effektiv, ob mit oder ohne EUR. Einfach weil die inländischen Unternehmen und Behörden hohe Löhne nicht mehr zahlen können, das Arbeitsangebot Überhang hat und das Ausland die Schuldenfinanzierung nun einstellt. Es gibt halt soziale Proteste bei den Griechen, und um die Griechen herum. Weitere Netto-Auslandshilfen bleiben ein Fall für humanitäre Gnade und Spenden. Entweder ergibt sich ein bessere Wettbewerbsfähigkeit auf redlichem (Investitions-)Weg, oder man muß eben kleinere Brötchen backen. Es gibt schließlich auch viel ärmere Länder.
(PS: Den Griechen ist m.E. unverbindlich zunächst eine wirksame Vermögensteuer auf breiter Bemessungsgrundlage zu empfehlen - die wirkt schon allein Wunder.)

Das Ausgangsproblem der Griechen waren "erfolgreiche" Lügen und infolge davon lange Zeit einfach zu niedrige Schuldzinsen! , und damit zu wenig Handlungsdruck. Die Ratingagenturen haben zu spät die griechischen Zinsen angehoben; ihre Einschätzung war schlicht nicht ausreichend prognostisch präzise. Als Folge der Unpräzision haben die Investoren etwas Schuldenschnitt erlebt.

Nun aber sind alle gewarnt und alarmiert! Jeder sieht sowieso genauer hin und ist gewissenhafter.

=> Es braucht gar nicht so viel (unwahrscheinlich umzusetzende) EU-Detailwirtschaftspolitik.

=> Das wesentliche ist hervorragende Transparanz und Folgen-Prognose: Eine (europäische) Qualitäts-Ratingagentur, die richtig und rechtzeitig einschätzt.

=> Was Deutschland bzgl. internationaler Gerechtigkeit selbst leicht tun kann ist: mittelfristig einen Exportüberschüsse von +-0 anzustreben. Alles andere ist Kapitalimperialismus und Kriegstreiberei. D.h.: den Binnenkonsum stärken, Vermögensteuer erheben.


2) fiskalische Überwachungsmaßnahmen der öffentlichen und
privaten Schulden
- Wie bislang alleine die Staatsschulden in den Fokus zu
stellen ist nicht zielführend. Bei einem Ausfall von hohen
Kreditsummen z.B. bei einer Fehlallokatiojn von Geldern („Blasen“)
wird wie in den aktuellen Fällen womöglich der Staat, die EZB und
am Ende auch ein Rettungsschirm gefordert sein um einen
Domino-Effekt zu verhindern.

die systemrelevanten Schulden (und Lügen) werden jetzt schon stark beäugt. Stresstests, Eigenkapitalquoten etc. Eine triviale Folge der Krise. Und die Sünder selbst sehen die Folgen, die auf sie zurückschlagen.

=> Dazu eine Qualitäts-Ratingagentur. s.o.


3) Erweiterung des Aufgabengebietes der EZB und Unterstützung
durch die Politik
- Der politische Auftrag der Zentralbank muss um den Punkt
Währungssicherung und Währungsgebietseinheit erweitert werden und
dies als primären Auftrag, gleichrangig gegenüber dem bisherigen
Punkt der Währungsstabilität. Eine einheitliche Währung hatte
bislang u.a. auch eine suboptimale Vereinheitlichung der Zinsbasis
für die Euroländer erbracht, Inflationsmessungen wurden mittels
HICP einheitlich vorgenommen und Finanzinstrumente einheitlich
eingesetzt. Das Ziel wird sein eine Politik zu betreiben welche
darauf ausgerichtet ist ein wirtschaftlich homogeneres
Geltungsgebiet des Euro zu erreichen wobei der EZB auch eine Rolle
zukommen wird diese Bemühungen zu unterstützen. Wie im Punkt davor
bereits angesprochen ist der Markt der Schulden außerhalb der
öffentlichen Hand zu beobachten und wenn nötig regulierende
Maßnahmen zu ergreifen. Das muss nicht durch die weiterhin nicht
weisungsgebundene EZB erfolgen, da sind auch die Regierungen mit
der nationalen Gesetzgebung gefordert. Ein aufeinander
abgestimmtes und nach Ländern ausdifferenziertes Vorgehen von
Zentralbanken und Regierungen ist gefordert.

was soll das konkreter bedeuten?
Die EZB kann kann letztlich nur mehr oder weniger Geld drucken. Also notfalls eher mehr ...

Die Frage, ob die EZB neben dem Betrieb der einheitlichen Zinsschraube auch Schuldtitel verschiedener Länder (direkt oder indirekt) selektiv aufkaufen darf (und damit ihr bisheriges DE-hartes Prinzip aufgegeben wird), ist ähnlich wie die Frage nach Euro-Bonds: es bedeutet leichtere Vergemeinschaftung von Schulden. "Die anderen zahlens ja"
Folgen der Vergemeinschaftung: die Staaten gehen zu einer Politik mit mehr Schulden über, wobei die Schuldenmacherstaaten durch Selbstbedienung Vorteile haben - was bei einem lockeren Staatenbund zu dem leicht erkennbaren Teufelskreis führt.


==> Es stellt sich schlicht die Gretchenfrage: entweder
A) Redliche Schuldenquoten, respektieren der hohen Zinsen für Risiko, Sparen;
B) oder verantwortliche starke EU-Regierung mit großem EU-Haushalt und Einfluß auf die EZB (und daraus ggf. selektive Transferhilfen, QE etc);
C) oder aber EUR-Auflösung (mit ggf. noch EUR-Hartwährungs-Kernstaaten).

Selektive Geldpolitik, selektives Quantitative Easing o.ä. durch eine Notenbank für Teilstaaten ist absurd. QE geht nur bei Übereinstimmung des Währungsgebiets mit dem Regierungsverantwortungsgebiet.

Die US-Notenbank z.B. kauft bei QE meines Wissens nur US-Schuldtitel auf, und nicht die einzelner US-Staaten! D.h. nur Titel, für welche die US-Regierung verantwortlich ist.

Sätze wie "Das Ziel wird sein eine Politik zu betreiben welche darauf ausgerichtet ist ein wirtschaftlich homogeneres Geltungsgebiet des Euro zu erreichen wobei der EZB auch eine Rolle zukommen wird diese Bemühungen zu unterstützen." sind recht wuselig und belanglos. Irgendwie die EZB plus X zur Regierung machen, aber das doch nicht so offen ... Es ist bald ein Schmarrn. Man muß sich der o.g. Gretchenfrage stellen.


m.E. geht eine EU-Regierung und eine politikmachende EZB nach US-Vorbild noch lange nicht. D.h. die EUR-Staaten müssen solange sie drin bleiben wollen, entweder

A) alle mit der harten Währung leben. Das heisst, mit wenig Schulden <60% BIP leben und die Steuern eben in Höhe der Ausgaben erheben.

B) alle mit einer weichen Währung leben. z.B. die EZB soll 4% statt 2% Inflation anpeilen, munter Geld drucken. Dann kriegen die verschuldeten Länder einmalig jetzt Luft und die anderen können kurzzeitig mal die Korken knallen lassen. Langfristig bedeutet es die Nachteile von Weichwährungsländern, und Nachteile für kleine Rentensparer die nicht so leicht in Sach- und Risikowerte rein und rausgehen können (d.h. mehr Vermögenspolarisation).

=> Würden sich die Europäer auf eine effektive Vermögensteuer einigen (weil man die Schulden ohne starke Inflation anders nicht gut zurückzahlen kann), so würde dies allein Wunder wirken. Eine solche Maßnahme kann man in Brüssel absprechen.
Die allgemeine Vermögensteuer kann zugleich:
* Staatsschulden eindämmen & Weichwährungsnachteile vermeiden
* Kaufkraft (das Nadelöhr der heutigen Wirtschaft) stärken
* Vermögen zu Tätigkeit anregen
* Reichtumspolarisation rückkoppeln (Gerechtigkeit, Demokratie)

Steuerflucht kann man durch Begleitmaßnahmen eindämmen: Kopplung an Staatsbürgerschaft; bestimmte Zölle und Finanzzölle. Die Steueroasen Schweiz etc. lassen sich von der EU leicht transparent schalten.
Die Wirtschaft muss letztlich der Kaufkraft folgen. Ist Kaufkraft da, folgt Investitionskapital leicht auch aus dem Binnenkreditmechanismus. Mit wenigen Leitplanken lässt sich das Nutzvieh in den richtigen Stall lenken.


4) Finanzausgleich über Investitionen
- Ein Finanzausgleich zwischen den Staaten erscheint sinnvoll. Es
ist nicht notwendigerweise ein automatisierter (horizontaler wie
vertikaler) Ausgleich wie zwischen den Bundesländern in
Deutschland erforderlich. Vielmehr sind gezielte Transfers der
EU-Ebene in sinnvolle Infrastrukturmaßnahmen und Projekte mit dem
Ziel eine schnellerer Angleichung der Leistungsfähigkeit
anzustreben. Dabei ist darauf zu achten das die Gelder weder auf
der lokalen Regierungsebene in dunklen Kanälen verschwinden noch
auf EU-Ebene Lobby-Interessen zum Opfer fallen. Dies soll mittels
kleinteiliger Vergaben, regionaleren Empfängern mit hoher
Transparenz unter Beachtung der Subsidiarität geschehen. Dies
erhöht die Akzeptanz bei den Gebern und die Zurechenbarkeit als
Förderung durch den Zusammenschluss bei Nehmern.
Wie langwierig, teuer und nur auf lange Frist erfolgreich
strukturelle Hilfen sind kann man nicht zuletzt anhand
Ostdeutschlands sehen. Kürzere Laufzeiten bei einem Projekt wie
einem gemeinsamen Euro-Raum anzunehmen ist dabei unangemessen.
Hierbei muss auf Jahrzehnte geplant werden und man muss dies
insbesondere in Geber- wie Nehmerländern den Bürgern deutlich
machen. Ein derartiges Projekt wie eine gemeinsame Währung kann
nur durch ein freiwilliges geben und nehmen Erfolg haben.


Vorneweg: Eine gemeinsame Währung an sich muß nicht zwingend Hilfstransfers bedeuten. In USA lässt mans einfach halt auf Einkommensunterschiede auflaufen. Manche Staaten sind dann halt einfach ärmer.

EU-Hilfsmittel sollte man v.a., wie es ja schon geschieht, immer nur mit lokalen Mittel koppeln! D.h. nur Katalysieren. Dann kommt automatisch die Ernsthaftigkeit und Kontrolle.
Das fehlt oben. Was Du schreibst mit "in sinnvolle Maßnahmen", "kleinteilige Vergaben" .. bedeutet m.E. unwahrscheinliche und erstaunliche Deus-ex-Machina-Bürokratie. Wie soll es konkreter aussehen?

Die Höhe der Hilfsmittel schließlich ergibt sich aus der Bereitschaft der Geberländern. D.h. Gretchenfrage: Sollen die Piraten in der DE-Regierung konkret mehr für Hilfstransfers spenden?


Gruß
Robert




Archiv bereitgestellt durch MHonArc 2.6.19.

Seitenanfang