Zum Inhalt springen.
Sympa Menü

ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Positionsentwurf zum Thema "Risikovorsorge gegen Peak Oil" - Bitte um Feedback

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

Listenarchiv

Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Positionsentwurf zum Thema "Risikovorsorge gegen Peak Oil" - Bitte um Feedback


Chronologisch Thread 
  • From: Johannes Nix <Johannes.Nix AT gmx.net>
  • To: piratenpartei AT t-online.de
  • Cc: brb-ag-wirtschaft AT lists.piratenpartei.de, ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Positionsentwurf zum Thema "Risikovorsorge gegen Peak Oil" - Bitte um Feedback
  • Date: Mon, 7 May 2012 07:43:11 +0200
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>

Hallo Aloa5,

ich möchte auf deine Antwort zum Thema "Risikovorsorge gegen Peak
Oil" noch mal genauer eingehen, nachdem die erste Diskussion ein wenig
polarisierend war.

On Fri, 20 Apr 2012 10:19:43 +0200
aloa5 <piratenpartei AT t-online.de> wrote:

> ich werde mir das ansehen. Ich warne vor Schnellschüssen, denn in der
> Regel sind solche Dinge in großen Teilen Panikmache aufgrund einer
> Einzel-Prognose.


Von einer Einzelprognose kann überhaupt keine Rede sein und das
sollte auch klar werden wenn man sich die im Positionspapier genannten
Quellen anschaut. Die Internationale Energieagentur ist
DIE Organisation der OECD Länder welche seit der 73er Ölkrise
für die Sicherheit der Energieversorgung zuständig ist.
Niemand hat umfangreichere Daten. DAS sind die Leute welche
genau die Aufgabe haben, die Führung der Industriestaaten zu
alarmieren wenn ein Risiko droht.

http://www.independent.co.uk/news/science/warning-oil-supplies-are-running-out-fast-1766585.html
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,610455,00.html
http://www.guardian.co.uk/environment/2009/nov/09/peak-oil-international-energy-agency


Wenn _die_ die Alarmglocke schlagen, ist das nicht weniger
ernst zu nehmen als wenn der Mann im Ausguck der Titanic
bei Nacht einen Eisberg sieht. Denn unsere fossile Wirtschaft
ist auch nicht wendiger als so ein Pott.

Daneben gibt es Organisationen wie die ASPO (Association
for the Study of Peak Oil and Gas) oder die Forschungsgruppe
von Aleklett un Uppsala, die sich einen sehr guten Ruf
erworben haben.

Nicht zuletzt warnen bei dem Thema auch immer wieder
viele pensionierte Erdölgeologen und Leute die direkt
aus dem Ölgeschäft kommen. Einer der prominentesten
Warner, Matthew Simmons, war Investmentbanker im Erdölgeschäft.


Und übrigens, Schnellschüsse sind überhaupt nicht gefragt. Natürlich
muss man sich das gründlich ansehen. Allerdings wird die
Problematik immerhin seit einer Dekade in Fachkreisen intensiv
diskutiert.


>
> Man muss Gasvorkommen/Gasförderung einbeziehen; die Ölproblematik
> bezieht sich nur zu einem überschaubaren Prozentsatz auf den MIV.

Mittlerweile ist ganz klar: Die Nutzung von Erdgas, Gas aus
Fracking, Ölsanden, Öl aus der Tiefsee sowie mögliche Ölfunde
aus der Arktis verschiebt den Zeitpunkt eines Fördermaximums
beim Erdöl etwas, ändert aber gar nichts am grundsätzlichen
Problem. Selbst wenn heute die Funde "großer" neuer Ölfelder
gemeldet werden, deckt das den Weltbedarf nur ein paar
Wochen. Die einzige halbwegs realistische Alternative ist die
großtechnische Verflüssigung von Kohle, mit Umwelt- und Klimafolgen
die fernab alles Wünschenswerten sind.

>
> [ ... ]; die Ölproblematik
> bezieht sich nur zu einem überschaubaren Prozentsatz auf den MIV.

Ich persönlich glaube nicht mal richtig an das
sogenannte Elektroauto. Da wurde bisher viel versprochen
und nichts gehalten. Theoretisch müßten sie heute
in Massen auf den Strassen fahren, nachdem die Industrie
da Abermillionen an Fördermitteln abgegriffen hat.
Ich seh sie nicht vor meiner Tür. Diese Dinger haben geringe Reichweite
und sind sehr teuer und sind damit vor allem eine Konkurrenz zum
städtischen ÖPNV.

Was die "Elektromobilität" mit Akkumulatoren aber
nicht mal theoretisch ersetzen kann, ist praktisch der gesamte
Güterferntransport. Und zwar deswegen, weil ein moderner
Akku gerade mal ein Hunderstel der gewichtsbezogenen
Energiedichte hat wie ein Treibstofftank. Damit ist
ein LKW-Transport per Akku genauso wie ein Schifstransport
komlett unrealistisch, und es sind nun mal diese
Dinge an denen unsere gesamte Wirtschaft hängt.

Ausdrücklich ausnehmen will ich davon die Elektromobilität
mit Fahrdraht, auch Oberleitung genannt. Das
Problem ist hier, dass eine Umstellung viel länger
dauern könnte als nach Peak Oil zur Verfügung steht.
Wir müssten im Extremfall jährlich mehrere Prozent
unseres Bedarfs an fossilen Energieträgern ersetzen.


> In
> weiten Teilen kann Öl durch Gas oder eben andere Energiespender
> supplementiert werden. Das betrifft z.B. Heizungen aber auch ggfs.
> den viel wichtigeren Bereich der Herstellung z.B. von Plastik.

Das trifft zu. Beispielsweise kann man Plastik zum Teil durch
Maisstärke ersetzen und Dieselmotoren kann man auch mit
Pflanzenöl betreiben. Ferner kann man mit Strom natürlich
auch heizen, wie jeder Heizlüfter beweist.

Das Problem ist nur: Der Anteil des Öls am Primärenergieaufkommen
ist so hoch, dass wir dann als Resultat eine Knappheit
an den Ersatz-Energieträgern haben - an Anbauflächen,
Lebensmitteln, Strom oder sogar Kohle. Für Strom
hieße das schlicht: Wenn wir nicht wollen, dass das
Stromnetz zusammenbricht, muss der Preis so weit steigen
dass die überschüssige Nachfrage vernichtet wird.

>
>
> Bevor man nicht die Steigerungs- und Anteilsraten von Gas und
> regenerativen Energien angesehen und den Komplex im gesamten
> ausgewertet hat wäre ich vorsichtig mit dem Schlagwort "Peak Oil". Es
> wird häufig von Ökos benutzt welche es schon vor 10-20 Jahren benutzt
> und das Ende der Welt prophezeit haben.... Und diesen ist es nie um
> "Peak Oil" gegangen (also der Gefahr das man es nicht mehr hat)
> sondern es ging diesen nur darum die alternativen Energien
> voranzutreiben.

Das ist eine Unterstellung. Die alternativen / erneuerbaren
Energien sind genau deswegen entwickelt worden, um Alternativen
zum Erdöl zu haben. Ein entscheidender Faktor dazu war
die Ölkrise von 1973. Damals haben die OPEC-Staaten ihren
Export mal um 5 % gesenkt, und der Preis ist förmlich explodiert.
Und das war erst kurz nachdem die USA ihr regionales
Fördermaximum erlebt haben; inzwischen sind die USA und
auch wir weit stärker von den OPEC-Ländern abhängig.
Die Ölproduktion der Nordseeregion geht übrigens
seit etwa 1999 drastisch zurück. Mal als Beispiele:

http://en.wikipedia.org/wiki/File:ELM_UK.png

http://en.wikipedia.org/wiki/File:ELM_Norway.png


>
> Irgendwelche weiteren Steuern auf Öl etc. lehne ich prinzipiell ab.

Ohne Steuern wären wir noch weit abhängiger vom Erdöl,#
das sieht man an den USA. Und diese Abhängigkeit ist
nicht nur nicht gut, sie ist richtig gefährlich.

> Die Steuern/Abgaben darauf sind bereits horrend (werden lediglich
> nicht für EEs verwendet), ebenso der Umfang des EEG. Hätte man diese
> Gelder anstatt sie für in unseren Breiten sinnbefreite PV-Dächer mit
> hohem Materialeinsatz zu suventionieren in Infrastruktur und
> Staubecken gesteckt wären wir bereits heute viel weiter.

Ich stimme dem zu, dass man auch im Blick auf Erdöleinsparung
gezielter agieren kann. Insbesondere bei der Wärmedämmung
und Solarthermie. Aber das Problem geht viel weiter.

> Des weiteren sollte man sich mit E10 und Landwirtschaft für
> Treibstoff auseinandersetzen. Peak Oil ist ein Grund aus welchem die
> Amerikaner inzwischen 40% des Maisertrages in ihre Benzintanks
> füllen. E10 ist auch eine Grüne Fehlleistung welche auf blindem
> Ökowahn gepaart mit unstrukturiertem Gieskannenprinzip entstanden ist.

Ich denke es besteht ein gewisser Konsens, dass so etwas
nicht die Lösung ist. Aber das ist kein Grund, weiter zu
machen als wenn man keinen Ersatz fürs Öl bräuchte.

>
>
> Erst sauber analysieren und dann etwas fordern.

Dafür müsste man sich ernsthaft mit dem Thema befassen,
statt es bloß abzuwehren. Studien dazu gibt es genug.

Außerdem, was wir wissen reicht nicht mehr, um Untätigkeit
zu begründen. In dem Positionspapier
( http://piratenpad.de/p/RisikoVorsorge_PeakOil ) wird ausdrücklich
eine RISIKOVORSORGE gefordert. Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass man sich strategisch so verhält, dass
man für zukünftige Situationen, denen Ungewissheit anhaftet,
das Risiko minimiert, während man gleichzeitig die
wahrscheinlichen Gesamtkosten minimiert.

Das ist ganz banales rationales Verhalten. Genau das
tun wir, wenn wir bei trüben Wetter einen Regenschirm mitnehmen,
beim Wandern in den Alpen eine warme Jacke,
uns im PKW mit Sicherheitsgurt anschnallen,
wenn in Hotels Feuermelder und ausgeschilderte
Rettungswege Vorschrift sind, wenn wir zuhause einen
Rauchmelder installieren. Wir machen relativ
kleine Investitionen, die unsere Sicherheit
drastisch erhöhen. Genau das geht bei Peak Oil auch.
Zum Beispiel im Bereich Wärmedämmung.

Gleichzeitig muss man sich eingestehen, dass es einen
vollständigen Ersatz für das Erdöl heute nicht gibt.
Das wird Folgen für die Ökonomie haben, und
je früher man dem ins Gesicht sieht, um so besser.

> Wirtschaftlich spielt
> es keine Rolle ob man Mais vergärt und dafür Menschen im Sudan
> verhungern - Hauptsache der Motor läuft.

Ich finde es absurd, mit so einem moralisch zielenden
Argument zu kommen, um eine Auseinandersetzung mit
den Konsequenzen endlicher Ressourcen zu vermeiden.

Aber wenn wir schon ethisch argumentieren: Die heutigen
Industriestaaten haben schon etwa die Hälfte der
fossilen Ölressourcen mehr oder weniger allein
konsumiert und sind für den weit überwiegenden Teil
der bisherigen CO2 Produktion verantwortlich.
Sie verursachten damit ein Problem für die
gesamte Weltbevölkerung.

Also haben wir "Erstweltler" auch eine besondere
Verantwortung, Wege aus der Bedrouille zu finden.
Wenn wir's nicht hin kriegen, droht dem Rest der
Menschheit der Hungertod, denn das restliche Öl wird eben
auch in der Landwirtschaft gebraucht.

Und Wenn man's mit der Barmherzigkeit nicht so hat, kann
man das auch sicherheitspolitisch begründen: Steigende
Lebensmittelpreise sind heute schon treibende
Kraft für soziale Unruhen in der arabischen Welt,
Ländern wie Nigeria oder Indonesien. Zufällig
sind das Länder, die uns billig Öl liefern.

>
> Wirtschaftlich gesehen ist wichtig das die Energieversorgung
> gesichert ist und das Förderungen der Energie-Alternativen sowie der
> Infrastruktur effizient, zukunftsgerichtet und koordiniert erfolgen.
> Das sollte eigentlich auch im Interesse der Ökologie sein.

Natürlich. Nur darf man sich dann nicht allein mit
Detailproblemen beschäftigen und das Hauptproblem
- die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen UND
die realen zeitlichen Grenzen dieser Ressourcen -
glatt übersehen.


Johannes







Archiv bereitgestellt durch MHonArc 2.6.19.

Seitenanfang