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ag-soziale_marktwirtschaft - [Ag-soziale_marktwirtschaft] Zu Leitsätzen und Problematiken aus Kirchhofs Arbeit

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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[Ag-soziale_marktwirtschaft] Zu Leitsätzen und Problematiken aus Kirchhofs Arbeit


Chronologisch Thread 
  • From: aloa5 <aloa5 AT news.piratenpartei.de>
  • To: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Zu Leitsätzen und Problematiken aus Kirchhofs Arbeit
  • Date: Tue, 05 Jul 2011 06:06:51 +0000
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
  • Organization: Newsserver der Piratenpartei Deutschland - Infos siehe: http://wiki.piratenpartei.de/Syncom/Newsserver


Grundätzlich ist leicht erkennbar das es ein urliberales Werk ist. Das
sollte inzwischen den meisten klar geworden sein. Trotzdem möchte nicht
jeder seine Arbeit lesen oder hat die Möglichkeit und Muße die
zentralen Punkte und die Absichten herauszufiltern.


Hier einmal ein paar Probleme welche sich bei seinem Werk und aus seiner
Streichliste ergeben:


Zu §8:

http://logicorum.wordpress.com/2011/07/01/kirchhof-und-das-revival-des-verscharften-halbteilungsgrundsatzes/


Zur Progression und zum Tarif:

http://logicorum.wordpress.com/2011/06/30/und-noch-einmal-zu-kirchhof-steuer-progression-flatrate-und-rente/


http://logicorum.wordpress.com/2011/07/01/grafiken-zu-den-wirkungen-von-kirchhof-auf-die-abzuge-25-35/

Ich zitiere das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW):
/Der direkt-progressive Tarifverlauf sollte beibehalten werden. Die
Einführung einer Flat-Tax, also eines einheitlichen Steuersatzes fur
Einkommen oberhalb der Freibeträge, hat zwar eine Reihe von Vorteilen
hinsichtlich der wirtschaftlichen Wirkungen und leistet einen spürbaren
Beitrag zur Steuervereinfachung. Diese Vorteile stehen jedoch in keinem
Verhältnis zu den erheblichen Steuerausfällen bzw. der massiven
Umverteilung der Steuerbelastung von den einkommensstarken zu den
einkommensschwachen Steuerzahlern, die mit einer solchen Tarifform
einhergehen./



Aus den Leitsätzen:

/Die Besteuerung von Einkommen, Erbschaft und Kaufkraft wirkt
freiheitsschonend, weil sie den Steuerpflichtigen immer dann belastet,
wenn sich seine Leistungsfähigkeit zu seinen Gunsten verbessert hat. Auf
Substanzsteuern hingegen wird grundsätzlich verzichtet. Diese Steuern
stellen lediglich fest, dass jemand über Vermögen, Gewerbekapital oder
Grundbesitz verfügt und deshalb zum Objekt staatlicher Besteuerung
werden soll./


(Was die Ablehnung der Vermögensteuer,Grundsteuer etc beinhaltet)

und

/Ein progressiver Tarif muss sich vor der Freiheitsgarantie
rechtfertigen, dem Recht, sich von anderen unterscheiden und vorhandene
Unterschiede mehren zu dürfen. Das Prinzip eines sozialen Ausgleichs
rechtfertigt die Entlastung der Anfangseinkommen, kaum aber eine
Progression als Grundprinzip für alle Einkommen. Das geltende Recht hat
dieses Prinzip inzwischen aufgegeben./



Aussage: Einkommenszuwächsen darf nach oben kein Riegel mit einer
Progression vorgeschoben werden bzw. es darf nicht zu einer höheren
Steuerbelastung kommen. Das hat er in §8 in ein Gesetz gegossen. Er ist
kein Ökonom (wie man hier sieht). Die Laffer-Kurve interessiert ihn hier
so wenig wie die Erhöhung des Gini (Einkommensspreizung) der letzten
Jahre das Prinzip von Angebot und Nachfrage welches u.a. zuletzt auch
DIW, IWF, OECD und andere dazu bewogen hat Einkommens(!)ungleichheiten
als Krisenauslösend und hemmend für die Wirtschaft zu bezeichnen.
Ebenso sind extreme Vermögenskonzentrationen und damit einhergehende
Marktmacht-Konzentrationen und Marktstörungen der letzten Jahrzehnte an
seinem Werk vorbeigegangen. (Bzw. spielen eben bei seiner Interpretation
von Gerechtigkeit (O-Ton Interview Kirchhof "eine Gerechtigkeit") keine
Rolle)



Es gibt noch weitere Kritikpunkte. Ökonomisch ergeben sie sich aus der
Ablehnung von Lenkungssteuern (Lenkungswirkungen) und Abschreibungen.
Diese klingen nur in einem Blogposting an. Dazu gibt es später noch
einen weiteren Blogpost dazu der den prinzipiellen Unterschied und die
Problematiken zwischen aktiver Subvention (z.B. ähnlich EEG, VL,
Riester-Rente) passiver Subvention (Steuererleichterung, Eigenheimzulage,
Sonderabschreibung) erklärt.


Es macht ökonomisch einen Unterschied ob man Investitionsanreize für
das Inland setzt oder nicht. Und es macht ökonomisch, sozial wie
fiskalisch einen erheblichen Unterschied ob man für eine Förderung z.B.
auch bei Behinderungen und Alter (außergewöhnliche Belastungen,
Altersentlastungsbetrag, Bafög usw.) nicht tätigt, als Steuersubvention
tätigt, auszahlt oder als Kreditsubvention genehmigt. Da bei Kirchhof
lediglich das eine gestrichen wird (Steuersubvention) und fiskalisch für
mehr kein Spielraum ist (da man ansonsten viel mehr einnehmen und damit
den ESt-Satz anheben müsste) fällt es komplett aus.


Das ist damit aus ökonomischen wie aus sozialen Gründen fragwürdig.

Hinzu treten andere Dinge wie die das 400 Euro-Jobs dann m.E. mit 100
Euro Steuer belastet wären usw.. Das sind Folgeproblematiken für den
fiskalischen Bereich, für den Einzelnen wie auch für den Arbeitsmarkt
welche nicht mal eben unter ferner liefen gehandelt werden können.


Es ist dabei nicht entscheidend was bei Kirchhof steht, sondern
entscheidend was bei ihm nicht mehr aufgeführt ist. Dabei stehen im
Zentrum der Überlegungen seine Leitsätze, sein(!) Verständnis von
Gerechtigkeit und das fehlen volkswirtschaftlicher Überlegungen bei
seinem libertären Ansatz. Dies auseinander zu dröseln ist schwierig.


Unter dem Strich bleibt aber von dem Prinzip seines Konzeptes nicht viel
verwertbares außerhalb der lobenswerten Bestrebung Ausnahmetatbestände
zu streichen.



Grüße
Otmar





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