nrw-ak-innenpolitik AT lists.piratenpartei.de
Betreff: Nrw-ak-innenpolitik mailing list
Listenarchiv
- From: Markus Dittmar <markusdittmar AT gmx.de>
- To: nrw-ak-innenpolitik AT lists.piratenpartei.de
- Subject: [Nrw-ak-innenpolitik] Kirchenspießertum und Staat (Nachtrag zum Vorigen)
- Date: Mon, 18 Jun 2012 22:55:06 +0200
- List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/nrw-ak-innenpolitik>
- List-id: <nrw-ak-innenpolitik.lists.piratenpartei.de>
aus dem wikipedia-artikel zu volker kauder: Kauder ist strikt gegen Forderungen, den Islam in Deutschland als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anzuerkennen. Er erklärte hierzu im Oktober 2010 in der Bildzeitung, dies gehe „in eine völlig falsche Richtung“. Er forderte von Muslimen eine höhere Bereitschaft, die Werteordnung des Grundgesetzes als Maßstab für das Zusammenleben in Deutschland anzuerkennen, und erklärte in diesem Zusammenhang: „Das auf unserer christlich-jüdischen Tradition beruhende Grundgesetz kann durch nichts relativiert werden, schon gar nicht durch einen Islam, der die Scharia vertritt und zur Unterdrückung der Frauen führt.“[27] In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel antwortete Kauder auf die Frage „Gehört der Islam zu Deutschland?“ mit der Aussage „Nein. Muslime gehören zu Deutschland, der Islam nicht. Was zu uns gehört, muss prägend sein, identitätsstiftend. Das ist der Islam nicht.“[28] würde man den staat auf das demokratisch-rechtliche beschränken, nämlich auf das recht, was nun nicht "gottes gebot" ist, sondern was zwischen den menschen zur regelung ihrer sozialen verhältnisse vereinbart wird, gibt es auch kein "integrationsproblem" mehr. die frage: "gehört der islam zu deutschland?", ist eine schein-frage. was soll das sein: "deutschland"? man kann also unterscheiden: wer noch immer in den staat etwa hineinträumt, was der mittelalterlichen kirche ähnelt, was in dem staat den wächter über das göttliche gebot, die "werte", sieht, das ist vor allem das "kirchenfromme" spießertum bei uns. durch die neuen medien, das internet, ist aber sichtbar geworden, dass der heutige mensch sich als mensch frei dem anderen menschen gegenüberstellen, sich mit ihm auseinandersetzen will! wer das empfindet, tritt dann z.b. in die piraten-partei ein - oder schreibt hier sonderbare beiträge. wenn kauder sagt: "Als Christ gibt es für mich das Böse in der Welt. Osama war böse. Und man darf sich als Christ freuen, wenn es weniger Böses auf der Welt gibt." dann kann man es ihm ja zugestehen, dass er meint, als "christ" dürfe er sich darüber freuen, dass obama tot ist, wobei man sich dann vielleicht noch fragt, wieso er meint, dass es dadurch weniger böses auf der welt gibt? - aber was hat das mit dem rechtsverhältnis zwischen mir und herrn kauder zu tun? muss ich mich dafür auf dieselbe stufe "christlichkeit" stellen, die herrn kauder offenbar eine fromme wollust bereitet, wenn ich hier leben will, also demselben rechtsgebiet angehöre wie herr kauder? In einem Interview für den Arbeitskreis Christlicher Publizisten erklärte Kauder, dass er bei schwierigen Entscheidungen „für diesen Zugang zum Vater im Himmel dankbar“ sei und der „Mensch als Ebenbild Gottes“ nicht zur Disposition gestellt werden dürfe, weil die Menschenwürde weder von der Gesellschaft noch der Politik, sondern von Gott komme. man will die scharia nicht für den staat, aber das aus der "jüdisch-christlichen tradtion" stammende "göttliche gebot"! der staat soll aber überhaupt kein "göttliches gebot", egal woher und aus welcher tradition, enthalten! weil man vorher den staat für sein kirchen-christliches empfinden benutzt hat, hat man nun ein integrationsproblem. natürlich will man dann als moslem etwa nicht in die "jüdisch-christliche tradition" "integriert" werden, man will, wenn man nicht gerade selber fanatisiert ist, in freien verhältnissen leben, wo das recht für alle gleich gilt. würde man den staat auf das demokratisch-rechtliche beschränken, also darauf, was alle heute hier lebenden erwachsenen menschen miteinander an rechtsverhältnissen auszumachen haben, gäbe es dieses integrationsproblem also gar nicht. "integriert" wird man schon durch die gemeinsame arbeit genug. das, woran jemand glaubt, das eigentliche geistige leben, geht den staat nichts an. - was soll das auch heißen: "als gleichberechtigte religionsgemeinschaft anerkennen"? dass der staat ein bevorzugtes verhältnis zu den christlichen kirchen hat! wie ein nachklang an das mittelalterliche bündnis von thron und altar. es ist ein letzter versuch des kirchen-spießertums die menschen durch den staat auf einen zu "werten" ausgedünnten extrakt der aus dem kirchen-christentums hervorgegangenen tradition ein zu schwören, zu einer kirchen-ähnlichen einheit durch den staat zu bringen. paradoxerweise steht man mit dieser ambition dem islamismus viel näher als man glaubt, und vor allem stellt man sich damit gegen die gesunde entwicklung, in der der einzelne immer mehr in den mittelpunkt des gesamten sozialen leben gestellt und aus den alten zwangs- und machtverhältnissen befreit werden muss. man hat es hier also mit einem vermischen des geistigen lebens, wozu die religion gehört, mit dem staatlichen zu tun, wie man es seit dem römertum praktiziert hat, das als erstes das geistige leben für rein-staatliche zwecke missbraucht hat, und im mittelalter mit dem bündnis von kirche und staat. dabei hat man gewisse haltungen, empfindungsweisen auf den staat übertragen, der nun "kirche" sein soll. - in die europäischen nachkriegsverhältnisse ist viel mehr von diesem mittelalterlichen staats-kirchentum eingeflossen, als man meint, das hat sich dann z.b. in den "christlichen" parteien, wobei man das wort "christlich" mit "kirchenspießig" übersetzen muss, formiert, um dann den gläubigen in der kirche zu sagen, dass man als christ natürlich diese parteien zu wählen hat ... es ist der versuch, das ruinierte europa mit den alten, mittelalterlich-kirchlichen mitteln noch einmal zusammen zu flicken. wieso vertraut man nicht darauf, was der heutige mensch ist, sondern meint, man müsse ihm durch den staat so etwas aufdrücken, wozu er heute gar kein verhältnis mehr hat? weil man kein vertrauen in das menschliche hat! weil man nicht darauf vertrauen will, dass man den menschen durch erziehung dahin bringen kann, dass er selber weiß, was gut und richtig ist! - das spießertum hat kein vertrauen zum menschen, es will den staat als kirchenersatz. frühere zeiten war nicht so tyrannisch wie die heutigen, wo man meint, dass der staat für alles zu sorgen hat: die göttlichen gebote, bzw. werte, das soziale, die bildung, die wirtschaft ... damit macht man den staat zu einen popanz. md |
- [Nrw-ak-innenpolitik] Kirchenspießertum und Staat (Nachtrag zum Vorigen), Markus Dittmar, 18.06.2012
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