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ag-soziale_marktwirtschaft - [Ag-soziale_marktwirtschaft] Steuer und Abgabenpolitik

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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[Ag-soziale_marktwirtschaft] Steuer und Abgabenpolitik


Chronologisch Thread 
  • From: T-Bone Hacker <T-Bone+Hacker AT news.piratenpartei.de>
  • To: ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de
  • Subject: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Steuer und Abgabenpolitik
  • Date: Fri, 14 Oct 2011 08:21:36 +0000
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>
  • Organization: Newsserver der Piratenpartei Deutschland - Infos siehe: http://wiki.piratenpartei.de/Syncom/Newsserver


Ich finde die Diskussion um den Spitzensteuersatz ein bißchen am eigentlichen Problem vorbei. Man kann sicherlich länglich darüber diskutieren ob es jetzt 50%, 52% oder 85% sein sollen, ob mit oder ohne Progression und so fort. Ich sehe das Problem aber woanders.

Dazu möchte ich etwas ausholen, vorweg schonmal sorry dafür :-)

Eine Prämisse vorneweg: Eine reine Steuerdiskussion ist mir zu kurz gesprungen, ich rede also zukünftig von Abgaben, dazu zählen Steuern, Sozialabgaben, Rentebeiträge, Krankenkassenbeiträge usw.

Schauen wir uns doch mal an, wer sich als Einwohner so im Abgabendschungel rumtreibt und welche Rolle er da spielt.

* *Die Geringverdiener*
Dort ist wohl unwiedersprochen nichts mehr zu holen, ganz im Gegenteil. Diese Gruppe birgt bei Erhöhung der Bezüge sogar das größte Potenzial zur Steigerung der traditionell schlechten Binnennachfrage. Ob diese Erhöhung durch Reduktion der Abgabenlast, Erhöhung der Löhne (Mindestlohn!) oder BGE geschieht, sei dahingestellt.

* *Die Mittelschicht*
Im Moment noch der größte Teil der Bevölkerung. Die Zahlmeister der Nation, gleichzeitig die Gruppe, die den Laden am Laufen hält. Aus ihr rekrutieren sich alle Beamten und die meisten Angestellten in der Verwaltung. Sie trägt die Hauptabgabenlast in Relation zum Einkommen.
Streng genommen ist auch da nichts mehr zu holen. Die Lohnentwicklung stagniert seit Beginn der 90er, in vielen Fällen lebt der Mittelstand mit einem Reallohnverlust.

Interessant, einfach verständlich und in einem Bild:
Vergleich Exportvolumen, Konsumausgaben und Reallöhne seit 2000 in D:
http://www.querschuesse.de/wp-content/uploads/2011/09/1a1.jpg

Ich sehe die Mittelschicht übrigens nicht nur bis zu einem Haushaltseinkommen von 100.000€ sondern auch deutlich darüber. Die Einstufungen der Schicht basiert immer noch auf Zahlen aus den 80ern und 90ern. Das ist einfach nicht mehr realistisch.

* *Die Reichen*
Nun, hier wird es interessant. Die "Reichen" sind ein einigermaßen diffuser, wenn auch kleiner Haufen (5-10% je nach Definition). Da gibt es die selbstständigen Unternehmer, die Vorstände, die Erben, die Banker usw. Sie besitzen aber 60% des Vermögens. Das weckt natürlich Neid und Begehrlichkeit. Sie tragen kaum zum Sozialstaat bei, da sie sich weitestgehend aus der Gesellschaft ausgeklinkt haben. Sowohl monetär als auch physisch. Jetzt wird natürlich gerne behauptet, die Zahlen ja 50% der Einkommenssteuer, das ist zwar richtig aber trotzdem nicht mal die halbe Wahrheit. Warum das so ist, folgt weiter unten. Trotz ihrer geringen Zahl üben sie aufgrund der Macht-(=Geld)konzentration erheblichen Einfluß auf die Politik und deren Entscheidungen aus.

Chart dazu:
http://www.die-soziale-bewegung.de/2009/appell-vermoegensabgabe/vermoegensverteilung_2002_2007.jpg oder Google...

Grundsätzlich kann natürlich jeder Mensch den Reichtum anhäufen, der im beliebt, solange er einen Dummen findet, der ihn bezahlt. Eine Neid-Debatte um z.B. die Bezüge von Herrn Ackermann oder damals Zumwinkel oder irgendwelchen Banker-Boni finde ich nicht zielführend. Alle diese Menschen sind bei einem privaten Unternehmen angestellt, dessen
Eigentümer (also die Shareholder) beschlossen haben, das sie das auch verdienen.

Auch ein selbstständiger Unternehmer kann verdienen was er will, solange es die Firma hergibt - oder er deswegen Pleite geht ;-) gibts auch genug von. Problem an der Sache ist aber, daß ein Selbstständiger im Gegensatz zum Angestellten selber entscheiden kann, was er versteuert und was er "linksrum" im Keller oder in der Schweiz bunkert.

Bleibt noch eine Gruppe, die stand heute ausgerechnet von der Gesetzgebung der SPD profitiert hat: Die Menschen, die aus Kapitalerträgen ihr Leben bestreiten. Also die Quandts, Burdas, Thyssens und Klattens dieser Welt. Die Zahlen nicht wie unter Kohl den persönlichen Steuersatz auf ihre Dividenden sondern nur noch pauschal 25%, dafür wird es nun direkt von der Bank abgeführt. Wenn wir mal Steuerhinterziehung beseite lassen, war diese Entscheidung der SPD wohl die schlimmste, die sie je getroffen hat. Aus Haushaltsicht sind das (je nachdem, wen man fragt) zwischen 20 und 60 Milliarden pro Jahr.

Und wir fragen uns ernsthaft, wie man die paar Milliarden für Bildung gegenfinanzieren kann...

Fakt ist: Die Reichen beziehen den Löwenanteil ihrer Einkünfte mitnichten aus Einkommen, sondern hauptsächlich aus Kapitalerträgen. Diese werden zwar (ungenügend) besteuert, sind aber ansonsten völlig befreit von Abgaben. Es ist aus meiner Sicht aber nicht einzusehen, warum Einkommen aus Nicht-Selbständiger Arbeit, Löhne, Miet- und
Pachteinnahmen und Kapitalerträge unterschiedlich behandelt werden.

Nun, wie will man sich dem Problem annehmen, ohne eine Gruppe zu benachteiligen? Mit "Benachteiligen" meine ich jetzt nicht "Abgaben nicht steigen lassen" sondern vielmehr, Ungerechtigkeiten nicht wachsen zu lassen, gleichzeitig das System einfacher und transparenter zu machen.

Dazu ein Leitsatz:
Aufgabe des Staates ist es, daß ALLE Bürger in GLEICHER Art und Weise ihren BEITRAG zum sozialen Miteinander LEISTEN, sich NIEMAND aus den Sozialsystemen verabschieden kann und TRANSPARENZ bei allen Einkommensarten hergestellt wird.

Was bedeutet das konkret? Aus meiner Sicht folgendes:

* *Gleichstellung aller Einkommen*
Egal, wie Geld verdient wird, es soll gleich behandelt werden. Wenn ein Mensch pro Jahr 500 Millionen € aus Dividenden bezieht, soll er diese mit seinem persönlichen Steuersatz versteuern sowie Soli, AV, RV und KV drauf zahlen. Dann läge er (nach heutigen Sätzen) bei
einer Abgabenlast von etwas über 50%. Etwas, das für einen Angestellter mit 70.000€ Brutto täglich Brot ist.

* *Erhöhung des Freibetrages*
Um die schwachen Einkommen und Mittelstand zu entlasten, soll der Freibetrag erhöht werden. Statt bisher 8.004€ auf 25.000€. Der Freibetrag auf Kapitalerträge entfällt natürlich.

* *Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenzen*
Ok, das würde bedeuten, daß bei einem Einkommen von 1 Million € rund 200.000€ für die Rentenversicherung bedeuten aber so what. Nun ja, beim Angestellten zahlt die Hälfte der AG, aber eben auch nur auf dem Papier, da hier in D ja nunmal Brutto-Gehälter verhandelt werden. Wer jetzt sagt, das ist aber ungerecht, der (arme) Reiche muss ja irre viel
einzahlen, der vergißt, das der Reiche dabei ja auch eine Anwartschaft aufbaut. Er bekommt im Alter dann ja auch eine entsprechende Rente. Unterm Strich dürfte das Rentensystem damit aber stabiler werden.

Bei der KV funktioniert die Geschichte natürlich nur, wenn wir endlich das
Gesundheitssystem vernünftig reformieren, was aber ein anderes Thema ist. Um meine Vorschlag umzusetzen, müßte aber zumindest die PKV abgeschafft werden.

Bei der AV könnten wir aus Hartz4 endlich CommonSense1.0 machen und entweder BGE einführen oder vernünftige Sätze zahlen.

Grundsätzlich könnten die Beiträge zu AV und KV natürlich massiv gesenkt werden, was wieder einer Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen entsprechen würde.

* *Anhebung des Spitzensteuersatzes*
Ob das dann wirklich noch notwendig ist? Ich glaube nicht. Aber wir sollten die Grenzen anheben. Spitzensteuersatz erst ab 300.000€ Haushaltseinkommen. Auch das würde den Mittelstand nochmal massiv entlasten.

Und siehe da, wir haben plötzlich wieder Geld in der Tasche, sowohl wir als auch der Staat. Und das ganze zu Lasten einer Minderheit von 10%, die es sich auch noch locker leisten kann. Ohne die ach so wichtigen Unternehmen zu belasten, ganz im Gegenteil.

Natürlich sind das Maximalforderungen. Aber so ist das mit Visionen halt nunmal und man könnte ja klein anfangen.

Ob sich mein Vorschlag wirklich rechnet? Mein Gefühl sagt mir JA, proof me wrong. Ich bin nicht der Schäuble...




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