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ag-soziale_marktwirtschaft - Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] smw - nur synthese zwischen kapitalismus und kommunismus: Franz Oppenheimer?

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] smw - nur synthese zwischen kapitalismus und kommunismus: Franz Oppenheimer?


Chronologisch Thread 
  • From: Jürgen Löns <lons AT uni-muenster.de>
  • To: <ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: Re: [Ag-soziale_marktwirtschaft] smw - nur synthese zwischen kapitalismus und kommunismus: Franz Oppenheimer?
  • Date: Thu, 26 May 2011 17:42:26 +0200
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>

Liebe Piraten,
 
da ihr euch mit  Sozialer Marktwirtschaft und Ludwig Erhard beschäftigt,  möchte ich euch gerne auf die Theorie von Franz Oppenheimer aufmerksam machen und euch fragen, ob die Theorie des Liberalen Sozialismus  von Franz Oppenheimer etwas für die Piraten sein könnte. Natürlich  nur als Ausgangspunkt, da diese Theorie ja schon über 100 Jahre alt ist. Ich bin vor einigen Monaten rein zufällig auf ihn gestoßen und möchte  im August den Münsteraner Piraten etwas von ihm erzählen. Aber vielleicht kennt ihr ihn schon, dann gebt mir Bescheid, was ihr von ihm haltet.
 
Ihr habt über Ludwig Erhard diskutiert, der  bei Franz Oppenheimer promoviert und sich häufig auf ihn berufen hat.  Er hat aber dann dessen Theorien meiner Meinung nach nicht richtig dargestellt, denn Erhard und viele andere nach ihm haben ihn  zum Vater der Sozialen Marktwirtschaft ernannt, also zum Vater einer Variante des Kapitalismus. Franz Oppenheimer aber war ein vehemmenter Gegner des Kapitalismus.
 
Ich bin erst vor einigen Monaten  zufällig auf ein zweibändiges Lehrbuch für Studenten  von Franz Oppenheimer aus dem Jahr 1926 gestoßen: Grundriss der theoretischen Ökonomik. Für mich, ich bin Jahrgang 1939, war es ein Schock, als ich merkte, dass hier jemand eine sozialistische Theorie auf marktwirtschaftlicher Basis und mit Akzeptanz fairer Konkurrenz entwickelt hat, die offenbar völlig verschwiegen wurde. Es ist eine völlig andere Variante von Sozialismus als Marx sie entwickelt hat, aber eben doch auch Sozialismus.
 
 Franz Oppenheimer schreibt 1926 in dem Vorwort seines zweibändigen Lehrbuches' Grundriss der theoretischen Ökonomik':
' ... die noch längst nicht allgemein anerkannte Lehre des liberalen Sozialismus, jener Synthese, an die kaum jemand zu glauben wagt, und die doch gefunden werden muß, wenn unsere Zivilisation nicht zugrunde gehen soll. Wir können weder auf die Freiheit verzichten, wie uns der Kommunismus zumutet, noch auf die Gleichheit in ihrem richtigen Verstande: als die Gerechtigkeit der gleichen Entlohnung fü gleiche Leistung. Das aber ist es, was uns die bürgerliche Wissenschaft zumutet.'
In seinem Buch (1919) 'Kapitalismus Kommunismus Wissenschaftlicher Sozialismus' schreibt er:
'Der Begriff 'liberaler Sozialismus' ist bisher noch wenig gebräuchlich. Wir verstehen darunter alle diejeningen wissenschaftlichen Systeme, die zu dem allen Sozialisten gemeinsamen Ziele, zu der ' von allem Mehrwert erlösten, daher klassenlosen, und daher brüderlichen Gesellschaft der Gleichen und Freien' gelangen wollen., ohne die Konkurrenz und den Markt zu beseitigen.'
Franz Oppenheimer will die Ausbeutung des Arbeiters durch die Kapitalisten beseitigen. Er ist aber nicht Marxist. Er ist ein Bewunderer und Kritiker von Marx, will aber nicht eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel, sondern eher die Zahl der Privatbesitzer vermehren. Er will kein 'arbeitsloses Einkommen' und wendet sich besonders gegen 'Monopole'.
 
Franz Oppenheimer war der erste Lehrstuhlinhaber für Soziologie (mit Ökonomie) in Frankfurt/Main. Er hat 40 (lesbare!) Bücher und 400 Publikationen geschrieben. Er war in der genossenschaftlichen Bewegung und in der Kibuzbewegung engagiert. Er  wurde durch seine ärztliche Tätigkeit im Armenviertel von Berlin auf die ungeheuren Ungerechtigkeiten aufmerksam  und anfing deswegen an, sich mit gesellschaftlichen Theorien auseinander zu setzen, praktisch und theoretisch. Er ist dann ein  international anerkannter Wissenschaftler geworden, aber wegen seiner jüdischen Herkunft  wurden seine Bücher 1933 verbrannt und seine Lehrstuhlnachfolger haben ihn konsequent vergessen. Erst in den neunziger Jahren wurden seine Bücher neu aufgelegt. (Ihr könnt aber bei booklooker.de einige Bücher noch antiquarisch erstehen. Es lohnt sich noch heute, sie zu lesen, alleine schon, um den Kapitalismus besser zu verstehen.)
 
Viele herzliche Grüße
 
Jürgen Löns
Jahrgang 1939 und trotzdem Sympatisant und Unterstützer der Piratenpartei bei den Kommunalwahlen, die in Münster (und Aachen) zu einem Ratssitz geführt haben
 
 
 
Hier zwei WebHinweise, die mir wichtig sind:
 
 http://www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/index.pl/oppenheimer (zu Franz Oppenheimer)
 
http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1965/1965-09-a-551.pdf (kritischer Hinweis zu Erhard und Oppenheimer)
 
 
 



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