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berlin-crew-urbanauten - [berlin-crew-urbanauten] Zur Werbung

berlin-crew-urbanauten AT lists.piratenpartei.de

Betreff: ML der berliner Crew der Urbanauten (Kreuzberg)

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[berlin-crew-urbanauten] Zur Werbung


Chronologisch Thread 
  • From: simulakrum <piraten AT urszeidler.de>
  • To: berlin-crew-urbanauten <berlin-crew-urbanauten AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: [berlin-crew-urbanauten] Zur Werbung
  • Date: Tue, 05 Nov 2013 22:02:33 +0100
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/berlin-crew-urbanauten>
  • List-id: "ML der berliner Crew der Urbanauten \(Kreuzberg\)" <berlin-crew-urbanauten.lists.piratenpartei.de>

Zur Information :

http://www.amazon.de/Die-Logik-Sorge-Verlust-Aufkl%C3%A4rung/dp/3518260065

http://www.sueddeutsche.de/kultur/buch-logik-der-sorge-am-nullpunkt-des-denkens-1.187854


Wie man Gehirne modelliert: Bernard Stieglers Kritik der Psychomacht
untersucht mentale Gleichschaltung triebgesteuerter Konsumwesen in der neuen
TV-
und Medienkultur.
Von Erich Hörl

Seit mindestens einem Vierteljahrhundert ist es um den kritischen Geist in
Deutschland still geworden. Vereinzelt mag es noch Anhänger seiner
historisch letzten Gestalt, nämlich des kulturkritischen Programms, geben,
das nüchtern betrachtet bereits im Augenblick seiner Prägung keine
Zukunftschancen mehr hatte.

Die Kritik der Kulturindustrie, wie Horkheimer und Adorno sie in den
vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts konzipierten, war aus einem
antitechnischen
Affekt und hochkulturellem Ressentiment geboren und gerade wegen dieser
zweifelhaften Voreinstellungen von der umfassenden Technisierung und
Medialisierung des gesellschaftlichen Seins, gegen die angedacht werden
sollte, sang- und klanglos weggefegt worden.

Der Untergang des kulturkritischen Projekts, das ist das Dilemma, hat auch
seine wertvollste diagnostische Beobachtung mit sich gerissen, nämlich dass
sich der Schwerpunkt des industriegesellschaftlichen Regimes von der
Produktion auf die Konsumption verschiebt. Die medientechnisch beförderte
Schematisierung, Konformisierung und Kontrolle der Bedürfnisse sollte demnach
den Kern unserer zukünftigen kulturindustriellen Verfassung bilden.

Mutterland der Kritik

Im Mutterland der Kritik ist, trotz aller Dringlichkeit, keine nennenswerte
Wiederaufnahme einer Analytik der hochindustriellen Situation versucht
worden, die jenseits aller gegentechnischen Grundeinstellung eine genauere
Bestimmung des neuen mentalen, kulturellen und digitalen Kapitalismus und
seiner medientechnischen Verfahrensweisen gewagt hätte.

Stattdessen zeigt sich immer wieder nur das Elend der Kritik. So wird etwa
die Industrialisierung und Kybernetisierung der Universität, um nur ein
Beispiel zu nennen, von ihren eigenen Trägern nicht etwa nur hingenommen,
sondern selbst implementiert. Ein größeres Versagen und eine beschämendere
Verantwortungslosigkeit der sogenannten intellektuellen Eliten angesichts der
kultur- und wissensindustriellen Zumutung, ein vehementeres
Eingeständnis des Endes der Kritik, als diese Selbstzertrümmerung es
darstellt, ist kaum noch denkbar.

In Frankreich hingegen hat seit Jahren, das ist in Deutschland weitgehend
unbemerkt geblieben, eine Kritik der Gegenwart an Kontur gewonnen, die eine
breite Genealogie der zeitgenössischen "Hyperindustrialisierung" unternimmt.
Der Philosoph Bernard Stiegler treibt unter diesem Titel seit den
neunziger Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit Untersuchungen zur
symbolischen Misere, zum Verlust an Partizipation, zur mentalen
Gleichschaltung
und zur Homogenisierung der Erfahrung unter den telekratischen Bedingungen
der Fernseh- und Neuen Medienkultur voran, die den herrschenden
industriellen Populismus in aller Schärfe attackieren.

Stieglers neuestes Buch, das wörtlich übersetzt "Sorge tragen. Von der Jugend
und den Generationen" heißt, ist nur wenige Wochen nach dem
französischen Original, aber leider nur zur Hälfte und ohne die zentrale
Auseinandersetzung mit Michel Foucault, unter dem deutschen Titel "Logik der
Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien" in der edition unseld
des Suhrkamp Verlags erschienen.

Gehirne für den Konsum

Die aufregende Hauptthese der Untersuchung, die die Lektüre trotz der
erheblichen Kürzung allemal lohnt, diagnostiziert eine signifikante
machtgeschichtliche Transformation: die Ablösung der Biomacht durch die
Psychomacht, die seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht
mehr die Körper der Bevölkerung für die Produktion verwertet, sondern die
Gehirne für den Konsum modelliert.

Die Leitfigur der Epoche der Psychomacht ist der Konsument, seiner
Fabrikation gilt ihre psychopolitische und -technische Hauptanstrengung. Jene
tiefgreifende Mutation des Kapitalismus, die Gilles Deleuze in einer ersten
Annäherung als Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft
fasste, wird nunmehr als psychotechnologische Mobilmachung der Kultur- und
Programmindustrien präzisiert, die die verfügbare Zeit der Gehirne
besetzen, dabei Aufmerksamkeit und Verantwortung zerstören und die
Gesellschaft in eine neue Unmündigkeit hineinführen.

Hinter dieser Diagnostik steht eine komplexe, insbesondere phänomenologisch
und psychoanalytisch fundierte, psychotechnische Gesellschaftstheorie.
Gesellschaften erscheinen in erster Linie als Sorgesysteme und Regime der
Aufmerksamkeitsbildung. Aufmerksamkeit ist dabei niemals nur als je schon
gegebene und mithin rein psychische Größe zu verstehen. Ganz im Gegenteil
muss sie immer erst hervorgebracht werden, sie stellt den Effekt einer
elaborierten psychotechnischen Bearbeitung und psychotechnischer Verfahren
dar. Sie wird vor allem qua Erziehung durch die Eltern und die Schule
fabriziert und beispielsweise mit Hilfe von Psychotechniken wie Buch,
Gespräch oder Spiel. Gesellschaften unterscheiden sich durch ihre basalen
Aufmerksamkeitsformierungsstrategien.

Unkontrolliert

Die unkontrollierte Industrialisierung der Kultur, insbesondere die
Ausdifferenzierung der psychotechnischen Arsenale durch die audiovisuellen
Kultur-
und Programmindustrien, das ist die Signatur des Zeitalters der Psychomacht,
destruiert ganz gezielt die Aufmerksamkeitsmodellierung der Kinder und
Jugendlichen, um sie in triebgesteuerte Konsumwesen ohne jede Achtung und
Konzentration zu transformieren. Und sie zerstört das
Aufmerksamkeitsvermögen der Erwachsenen, um sie als reine Konsumenten,
gewissermaßen als industrialisierte Bewusstseine und ausgelaugte Hirne im
Benn'schen Sinne zu organisieren.

Die große Infantilisierung der Gegenwart, so Stiegler, vorangetrieben vor
allem durch die Psychotechnologien des Marketing, produziert eine
Gesellschaft verantwortungs- und rücksichtsloser Wesen, die keine Sorge -
weder die Sorge für sich, noch für die anderen, noch die Welt - mehr kennt.
Keine philia, keine Verbundenheit, kein Begehren und kein Wünschen. Die
psychosoziale Verfassung der Gegenwart, so Stiegler nüchtern, heißt globales
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Es ist eine deprimierende Diagnostik, gewiss, aber doch getragen von einer
tiefen Sympathie mit jenen, deren Sensibilität so rückhaltlos zerstört wird
durch die Kulturindustrie. In Zeiten der Psychomacht sind wir am Nullpunkt
des Denkens angekommen. Kein Gott, sondern allein eine neue
Industriepolitik des Geistes kann uns retten.

BERNARD STIEGLER: Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und
Medien. Aus dem Französischen von Susanne Baghestanie. Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main 2008. 190 Seiten, 10 Euro.

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