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ag-soziale_marktwirtschaft - [Ag-soziale_marktwirtschaft] Fwd: Ordnungspolitik für Input- oder Outputfaktoren?

ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de

Betreff: Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft

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[Ag-soziale_marktwirtschaft] Fwd: Ordnungspolitik für Input- oder Outputfaktoren?


Chronologisch Thread 
  • From: Gunnar Kaestle <gunnar.kaestle AT gmx.net>
  • To: AG Energiepolitik <energie_und_infrastruktur AT lists.piratenpartei.de>
  • Cc: AG Wirtschaft <ag-wirtschaft AT lists.piratenpartei.de>, AG Soz-Markt <ag-soziale_marktwirtschaft AT lists.piratenpartei.de>
  • Subject: [Ag-soziale_marktwirtschaft] Fwd: Ordnungspolitik für Input- oder Outputfaktoren?
  • Date: Sun, 21 Oct 2012 20:57:15 +0200
  • List-archive: <https://service.piratenpartei.de/pipermail/ag-soziale_marktwirtschaft>
  • List-id: "Wirtschaft, Finanzen, Soziales - soziale Marktwirtschaft" <ag-soziale_marktwirtschaft.lists.piratenpartei.de>

Hi,

die Wachstums-Enquete hat letzte Woche zur Zukunft der Arbeit getagt.

http://www.bundestag.de/bundestag/gremien/enquete/wachstum/oeffentlich/22_sitzung/index.jsp

Angeblich wird das per Kommentarfunktion abgegebene Bürgerfeedback ausgewertet. Wer also was sinnvolles zu sagen hat, sollte sich äußern.

Gruß,
Gunnar


-------- Original-Nachricht --------

Sehr geehrte Frau Bulmahn,

während die Diskussion um die Peak Oil Auswirkungen schon angestoßen
wurde, steckt die nähere Beschäftigung mit dem Kohlefördermaximum noch
in den Kinderschuhen. Tad Patzek [1], Professor für Petroleum and
Geosystems Engineering, weist darauf hin, dass es nicht darauf ankommt,
wie groß die Reserven sind (Energievorräte), sondern mit welcher
Förderrate diese für die Gesellschaft verfügbar gemacht werden können
(Leistung). "Our society is not about energy. Our society is about
power. Power is the blood of a modern complex society, and with less
power society can simply do fewer things. It’s not the energy, it’s not
how much work we can do in an unspecified amount of time, but it is the
amount of work we can do in the shortest possible time that matters."

Mit einem Kollegen kam er zum Schluss [2]: "The most important
conclusion of this paper is that the peak of global coal production from
the existing coalfields is imminent, and coal production from these
areas will fall by 50% in the next 40 years." Eine wichtige Aussage des
Papers findet sich aus meiner Sicht in einer Fußnote: "This paper is
falsifiable in parts and as a whole. If we are wrong, stricter controls
on the increase of coal production and use will have to be applied. If
we are right, major restructuring and shrinking of the global economy
will follow. Because the second alternative is so much more
far-reaching, prudent policy makers ought to perhaps consider it."
(S. 3110)

In die selbe Richtung geht die Analyse von David Rutledge [3], der mit
seiner Hochrechnung auf Basis einer logistischen Wachstumskurve sowie
dem Vergleich von historischen Reservenschätzung mit realen
Produktionsdaten in ausgereiften Kohleförderregionen zum Umdenken
ermahnt. "We show that where the estimates based on reserves can be
tested in mature coal regions, they have been too high, and that more
accurate estimates can be made by curve fits to the production history."
(S. 23)

Die Datenbasis seiner Berechnung hat er zum Download bereitgestellt
(http://rutledge.caltech.edu/) was die Transparenz seines Ergebnisses
erhöht und die Falsifizierung vereinfacht. Mit seiner Schätzung von 680
Gt förderbarer Kohle und einer bereits schon erreichten kumulierten
Fördermenge von 309 Gt sowie einer Jahresförderung von 7 Gt ist der
Mid-Depletion-Point nicht weit. In England hat sich die
Reservenschätzung der Royal Commission von 1871 bis in die 1960er Jahre
gehalten und wurde dann auf ein Fünftel nach unten korrigiert - und dies
obwohl der inflationsbereinigte Kohlepreis angestiegen ist, man also
eher ein Anwachsen der Reserven aus den Ressourcenvorrat erwarten sollte.

Im Sinne des von Patzek & Croft angesprochenen Prudent Policy Making und
der Möglichkeit, dass sie und weitere Warner vor einem nahen Peak der
Förderleistung (vgl. mit den Literaturangaben) recht behalten sollten -
ähnlich wie auch Hubbert mit seiner Glockenkurve der Ölförderung recht
behalten hat - frage ich mich, inwieweit die Ordnungspolitik nur auf die
Emissionsseite schielen sollte oder ob es auch angebracht ist,
ordnungspolitische Maßnahmen für die Inputseite zu entwickeln. Aufgrund
der langen Investitionszyklen kohlenutzender Energie-Infrastruktur ist
das Peak Coal Thema an sich noch viel langfristiger und vorausschauender
zu behandeln als Peak Oil, allerdings ist es im Gegensatz zu Peak Oil
auch leichter anzugehen, weil im Transportsektor noch breit wirksame
Alternativen fehlen, die im Stromsektor prinzipiell vorhanden sind. Zum
harmlos formulierten "major restructuring and shrinking of the global
economy" sollte man es nicht kommen lassen, weil dies nach Joseph
Tainter [4] der Triggerpunkt für ein Kollapsszenario ist (= schneller
Rückgang des Komplexitätsgrades von gesellschaftlichen Strukturen),
welches in der Vergangenheit etliche Zivilisationen in die
Bedeutungslosigkeit zurückgedrängt hat.

Mit Clausthaler Glückauf,

Gunnar Kaestle


[1] Interview mit Prof. Patzek, Experte für Petroleum Engineering
http://www.texasobserver.org/forrestforthetrees/questions-for-tad-patzek

[2] Patzek, Croft: A global coal production forecast with multi-Hubbert
cycle analysis, Energy, Vol. 35, Issue 8, 2010, S. 3109-3122.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360544210000617

[3] Rutledge: Estimating long-term world coal production with logit and
probit transforms, International Journal of Coal Geology, Vol. 85, Issue
1, 2011, S. 22-23.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0166516210002144

[4] Tainter, Patzek: Drilling Down - The Gulf Oil Debacle and Our Energy
Dilemma, Copernicus Books, New York, 2012. Chapter 5 & 6:
The Energy-Complexity Spiral & The Benefits and Costs of Complexity




  • [Ag-soziale_marktwirtschaft] Fwd: Ordnungspolitik für Input- oder Outputfaktoren?, Gunnar Kaestle, 21.10.2012

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